Denis Kuhnert, Fernanda Farah, Johanna Lemke, Miki Shoji und Ronni Maciel im neuen Macras-Stück an der Schaubühne: "Berlin Elsewhere".

Denis Kuhnert, Fernanda Farah, Johanna Lemke, Miki Shoji und Ronni Maciel im neuen Macras-Stück an der Schaubühne: "Berlin Elsewhere".

© Foto: Thomas Aurin
Tanzkritik

Jedem sein Narzissmus

von Hartmut Regitz

Constanza Macras: Berlin Elsewhere

Premiere: 13.04.2011
Schaubühne
Homepage: http://www.schaubuehne.de

Wer von Constanza Macras ein Berlin-Ballett erwartet, sieht sich enttäuscht. Noch bevor „Berlin Elsewhere” beginnt, warnt erst mal ein Warnschild auf, und das gleich in vier Sprachen: „Dies ist kein Stück über Berlin”, heißt es auf der Riesenleinwand in der Berliner Schaubühne, auf die erst mal ein paar Plattenbauten aus Berlin projiziert werden: Blickfang und Background einer Produktion von Dorky Park, die sich erklärtermaßen mit modernen Zivilisationskrankheiten, Neurosen, bipolaren Störungen, sexuellen Süchten und Warenfetischismus auseinandersetzt, kurz: mit allem, was die Choreografin und ihre Dramaturgin im Programmheft „Ausgrenzung als eine Form des Wahnsinns” nennen, „die wiederum neue Ausgrenzung erzeugt.”

Ein großes Wort. Tatsächlich wird in „Berlin Elsewhere” immer wieder dann der alltägliche Wahnsinn thematisiert, wenn Anouk Froidevaux aus der nicht eben unbekannten Foucault-Studie „Wahnsinn und Gesellschaft” zitiert. Choreografisch evident wird er dadurch allerdings nicht, weil die Tänzer und Tänzerinnen zwischendurch ihren Narzissmus nur so auf den Boden knallen, dass man als Zuschauer schon mal um Leib und Leben fürchtet. Doch die Damen und Herren von Dorky Park sind einiges gewöhnt, und notfalls wird das Knie bandagiert, um den freien Fall etwas abzufedern. Ein Großteil des Stücks spielt ohnehin auf einer Art Hüpfburg, auf der die zehn so lang im Kollektiv kopuliert, bis Johanna Lemke ihre Beischläfer auffordert, der Einfachheit halber doch mal eine Arbeitsgruppe zu bilden: ironische Pointe eines Stücks, bei dem man durchaus den Eindruck haben kann, als habe die Choreografin für das Projekt „PORNOsotros” ihr Anschauungsmaterial einst zu sehr verinnerlicht.

Erlaubt ist, was missfällt – und Constanza Macras scheint einiges zu missfallen: der Einbürgerungstest, der Schlankheitswahn, der Schwarzmarkt der Gefühle oder ganz banal: Gummibärchen. Weder geistig noch sonst wie von der Effekthascherei der Choreografin überfordert, reagiert das Publikum mit Gelassenheit. Von Wahnsinn keine Spur.