"Irish Soul": Marat Ourtaev und Nour Eldesouki beim Aalto Ballett Essen.

"Irish Soul": Marat Ourtaev und Nour Eldesouki beim Aalto Ballett Essen.

© Foto: Mario Perricone
Tanzkritik

Zuckergussklassik

von Hans-Christoph Zimmermann

Ben van Cauwenbergh: Irish Soul

Premiere: 28.05.2011
Aalto Ballett Theater Essen
Homepage: http://www.aalto-ballett-theater.de

Ein Land stellt sich vor: Der Nebel wabert, der Schweinwerfer grünt so grün und projizierte Wellen branden. Drei Tänzer scheinen an Seilen zu ziehen, während die Kompanie im Hin-tergrund Rumpf und Arme abwechselnd konkav und konvex beugen. Essens Ballettchef Ben van Cauwenbergh macht sich in seiner Choreografie „Irish Soul“, die bereits 2001 in Wiesba-den herauskam, auf die Suche nach der grünen Insel.

Während im Orchestergraben sechs Musiker an Flöte, Fiddle, Knopfakkordeon, Trommel und Keyborads Folksongs zum Besten geben, darf Adeline Pastor als strahlender irischer Kobold ihre kunstvollen Fouetté-Drehungen zeigen. Und wenn es dann aus dem Schnürboden regnet, wird paarweise ausdauernd gerutscht und Gischt verspritzt. Cauwenberghs getanzte Landes-kunde bedient sich zunächst vorrangig aus der Krabbelkiste des Klischees. Die fließenden Bewegungsarrangments, die mal auf Spitze, mal auf flacher Sohle getanzt werden, speisen sich dabei aus einer Zuckergussklassik, deren herunter gedimmtes Ausdruckslevel alles und nichts sagt.

Dass es auch anders geht, zeigt dann der Song „Omagh Town“, der auf einen Anschlag der IRA mit 29 Toten anspielt. Yulia Tsoi und Marat Ourtasev entfalten in einem eng geführten Duo ein dialektisches Geflecht zwischen Schutz- und Trostgesten und angedeuteten Aus-bruchsversuchen aus der Trauer. Das anschließende Frauenduo wiederum kombiniert über-zeugend die schnellen, sich kreuzenden Schrittkombinationen irischer Volkstänze mit klassi-schem Material zu einer fast abstrakten Textur. Doch solche Momente bleiben rar. Im zweiten Teil, wenn die Tänzer im Orchestergraben zwischen Guinessplakaten und Kerzen Platz neh-men, regiert schierer Populismus. Die Tanznummern laufen ab wie beim Karaoke in einem Pub und setzten auf vordergründige Komik, wenn die groß gewachsene Alena Gorelcikova und der kleine Denis Untila ein Liebesduett tanzen oder Nour Eldesouki sich nach klassischen Hebungen und Sprüngen seine Partnerin Ana-Carolina Reis als Paket unter den Arm packt. Hier erliegt dann die Choreografie vollends dem Obenflächenreiz des Kitsches und des Anek-dotischen. Anstatt die irische Seele hätte Cauwenbergh besser das Land der Iren mit der Seele suchen sollen.