Ensembleszene aus "Cow"

Ensembleszene aus "Cow"

© Foto: Semperoper Dresden
Tanzkritik

Ein „Muh“ auf die menschliche Existenz

von Vesna Mlakar

Alexander Ekman: Cow

Premiere: 12.03.2016 (Uraufführung)
Semperoper Dresden
Homepage: https://www.semperoper.de

Komponist: Mikael Karlsson

Montage – Demontage! Alexander Ekman setzt in der Dresdner Semperoper alle Hebel in Bewegung – vor allem die technischen. Von 2011 bis 2013 als Associated Choreographer dem Nederlands Dans Theater eng verbunden, wuchtet er nun in seinem neuen Opus „COW“ mithilfe von 35 Tänzerinnen und Tänzern ein gigantisches Identitätsexperiment auf die Bühne. Einen pausenlosen Durchzieher voller Skurrilitäten. Visuell opulente, stark energetische und stille, poetische Passagen werden immer wieder von impulsiven Momenten unterbrochen. Nahezu perfekt austariert halten sie sich die Waage. Dabei hat der Schwede – akustisch tatkräftig von seinem Landsmann, dem Komponisten Mikael Karlsson unterstützt – keineswegs ein nur rein auf Bewegung zielendes Tanztheater-Event ausbaldowert. Allein schon, wie die Instrumente des (vom Band zugespielten) Bundesjugendorchesters durch den Raum muhen, metallisch die Stille zersägen oder nach längerer Klanglosigkeit eine Melodie anreißen, puscht die Stimmung im Saal.

Die Premiere hält reichlich Situationskomik bereit. Deren Clou sind zum Teil einzelne Szenen dominierende Phantasie-Outfits des skandinavischen Designers Henrik Vibskov. Accessoirereiche Kleidung verortet zwischen städtischer Turbohektik, VIP-Eitelkeit und ländlicher Ausgeh-Tracht. Manche der extravaganten Kopfbedeckungen und weiten Gewänder lassen gar an die rundlich-bunten Dekorationsfiguren Erzgebirgischer Volkskunst denken, die im entsprechenden Museum auf der anderen Elbseite zu sehen sind. Insbesondere dann, wenn Ekmans Interpreten sich auf verschieden hohen Plateaus in dynamischen Grüppchen exponieren und wie wippende Kreisel leichten Fußes hin- und hertrippeln. Derart hinreißend zart-schmissige Bewegungseinlagen sind an diesem Abend allerdings eher rar.

Eine Frau in weißem Laborkittel legt ihr Gesicht auf einen Kopierer. Ein Mann rennt, Helm voran, gegen eine Wand. Davor flitzt ein grünes Ruderboot von links nach rechts und wenig später mit doppelter Besetzung wieder zurück. Permanent werden hydraulische Podien hoch und runter gefahrenen, der Boden zur Schräge oder ein mit weißen Kühen vollgestelltes Tableaux zu einer Treppe aufgefächert.

Mobilität, wo der Blick hinfällt. Das erhöhte Quadrat rechter Hand bewohnt ein duschfanatischer Geselle, der sich zum plötzlich einsetzenden kollektiven Reigen noch eine Taucherbrille überzieht. An der Rampe ködert eine in eine Polaroid-Kamera vernarrte Lady für die Schnappschüsse ihres Begleiters Besucher der ersten Reihe. Dem Betrachter bleibt vor lauter Happenings kaum Zeit, sich auf eine der turbulenten Miniaturinszenierungen zu konzentrieren.

Zu einem inhaltlichen Fokus wird erst nach und nach gefunden. Beispielsweise über provokative Fragen zu Form und Gefallen, die Ekman hinter einem tolldreist-maskulinen, auf klassischem Fundament konstruierten Pas de deux (Julian Amir Lacey und István Simons) an die Wand projiziert. Es ist eine der am stärksten einprägsamen Sequenzen, kratzt aber auch nur an der Oberfläche. Innerhalb der eineinhalb Stunden Spieldauer folgen eigentlich bloß noch zwei weitere, in ihrer Anmutung total andersartige, intensive Duette und eine solodramatisch-reißerische Spitzentanzeinlage der Ersten Solistin Courtney Richardson mit großem Hirschgeweih. Dazwischen lebt der Abend von der Power des gesamten Ensembles. Das Kollektiv einer Herde, aus dem Einzelne ausscheren oder das bestimmte Tänzer zu derwischartig-wilder Hopserei oder mutwilliger Nachahmung verleitet.

Mit seinem ungezügelten, irritationsfreudigen Stil infiziert hatte der als Enfant terrible des Balletts bekannte Ekman das Semperoper Ballett bereits vor drei Jahren – durch seinen Tanz-Hit „Cacti“ (UA 2010). Drei Stücke des Choreographen, der seit zehn Jahren Kompanien weltweit durch spektakulär-tanzvergnügliche Themenabende wie „A Swan Lake“ (Oslo, 2014) oder „Midsommarnattsdröme“ (Stockholm, 2015) toben lässt, sollten darauf eigentlich ins Repertoire folgen. Doch zuletzt kristallisierte sich eine ganz neue Suche für das hochkarätige sächsische Ballettensemble heraus: Man war auf die Kuh gekommen – als Sinnbild für innere Ruhe und ego- bzw. reflexionsloses (Da-)Sein an sich.

Christian Bauch, seit Spielzeitbeginn vom Corps de Ballet zum Coryphée aufgerückt, demonstriert hingebungsvoll die absurde Verwandlung. Während ein plastisches Exemplar auf halber Portalhöhe in der Luft hängt, schlendert er lässig auf allen Vieren, den schlanken Rücken tierisch durchgebogen, über den weiß verdeckten Orchestergraben. Mit stoisch-treuem Blick mutiert der elegante Tänzer zum tonangebenden Wiederkäuer.

Er schleudert, den Kopf leicht schüttelnd und zum Satzende hin kieferkreisend gedehnt, dem Publikum auf Deutsch und Englisch „Willkommen zur Weltpremiere von Coouuw!“ entgegen. Die Erwartung auf Ungewöhnliches hat sich erfüllt. Ekman hält dem konservativen Theatergänger einen Vexierspiegel vor und fordert ihn auf, die Pfade gewohnter Sichtweisen zu verlassen. Auf seine Choreographie allein verlässt er sich dennoch nicht. Dem durchweg begeistert mitziehenden Publikum zeigt er in einem Zwischenfilm reichlich Details zu Entstehung, Inhalt, Paradoxie und Identifikationsemotionalität auf. Menschliche Gefühlspalette versus Dumpfheit eines Milch- und Fleischlieferanten? Wirklich „auf die Kuh gekommen“ ist man nicht.