Roberto Scafatis "Rot, Rouge, Rosso, Aka, Kirmizi"

Roberto Scafatis "Rot, Rouge, Rosso, Aka, Kirmizi"

v.l.: Yuka Kawazu, Ceren Yavan-Wagner, Fabienne Schärer, Giulia Insinna

© Foto: Hermann Posch
Tanzkritik

Tänzerisches Formen-Crescendo

von Eckehard Uhlig

Roberto Scafati/Ivan Alboresi/Paul Julius: Drei

Premiere: 24.10.2014 (Uraufführung)
Theater Ulm
Homepage: http://theater.ulm.de

Die experimentellen Werkstatt-Produktionen der kleineren Stadttheater-Ballettcompagnien sind oft von besonderem Reiz. In hohem Maße gilt dies für den lapidar mit „Drei“ überschriebenen Tanzabend, der im Podium des Ulmer Theaters seine Uraufführungs-Premiere feierte.

Ivan Alboresis Choreographie „...und das ist es, warum ich nun weinen kann“ verwandelt Thomas Manns Prosaskizze „Vision“, deren letzten Satz der Stücke-Titel zitiert, zu Musikfragmenten von Max Richter und Henryk Górecki in spannungsgeladene Bewegungssprache. Für den Traumtänzer und quasi Ich-Erzähler, den in Schwarz gekleideten Pablo Sansalvador, öffnet sich in der Bühnenrückwand eine Tür, hinter der eine junge Frau (im roten Trikot: Giulia Insinna) auf ihn zu warten scheint. Zusammen mit ihr repetiert der Träumer eine verdrängte Liebesgeschichte: Seine Ruhe scheint der Tollheit zu weichen, fiebrig nervös sind die Bewegungsvolten, seltsam verwirrt sein Zu-Boden-Stürzen. Das Mädchen fasziniert mit einem tänzerischen Formen-Crescendo und fügt sich schmiegsam schlängelnd in bebende Körper-Windungen des Partners. Andere TänzerInnen (in Rot und Grüngrau) umspielen die beiden und stören rivalisierend das Liebesspiel, bis der Visionär von seiner Geliebten wieder verlassen wird.

Im zweiten der drei präsentierten Tanzstücke, der mit „Rot, Rouge, Rosso, Aka, Kirmizi“ (also mehrsprachig mit dem Blutfarben-Wort) betitelten Choreographie von Roberto Scafati agieren zu Musiken von Arvo Pärt, Philip Glas und Fleshquartett fünf Tänzerinnen (überraschenderweise in blauer Kleidung). Der anmutige Mädchen-Reigen ist eine Augenweide – nicht nur, weil alle Protagonistinnen (die Blonde, die beiden Rothaarigen, die Brünette und eine mit lang wehendem schwarzem Haar) sehr hübsch sind. Sondern vor allem, weil sie die in ihren Körpern widergespiegelten Phasen des Mondes, die Scafati wie in alten Mythen dem Menstruationszyklus gleichsetzt, als trancehafte Bewegungsimpulse zelebrieren. Sie tanzen öfters synchron in einer Reihe sich streckend und dehnend, auch sitzend und am Boden liegend, die Beine in die Höhe reckend, sich an den Händen fassend, Körperbrücken bauend, sich übereinander wälzend. Manchmal treten Akteurinnen solistisch hervor. Während vier Tänzerinnen die Eckpunkte einer quadratischen Tanzfläche markieren, bieten im Zentrum Yuka Kawazu oder Juliane Nawo glanzvolle Tanzeinlagen. Später rückt Ceren Yavan-Wagner in ausdrucksstarken Schrittkombinationen wie einst Gret Palucca in den Mittelpunkt. Es gibt auch von den beiden Live-Musikern (Christian Bertoncello am Violoncello und Alfredo Miglionico am Klavier) inspirierte dissonante Passagen mit rücklings gebeugten Mond-Anbeterinnen im Silberschein oder von flutendem Rotlicht erhellte Schrecksekunden bei plötzlichen Bewegungsstopps.

Die gesungene lateinische „Dies irae, dies illa“-Sequenz, die in Goethes „Faust I“ dem reuigen Gretchen beim Dom-Besuch entgegenbraust, umrahmt im Ulmer Podium Paul Julius' Choreographie „Misalignment“, den Abschluss des Dreiteiler-Abends. Julius will in seinem Tanzstück zu einem abenteuerlichen Musikstil-Mix (von Verdi bis Consoles) „aus dem Tritt geratene“ (Paar-) Beziehungen thematisieren. Dazu werden in fließenden Übergängen leidenschaftliche Soli der vier beteiligten Mädchen gezeigt, die in schwarzen, sexy geschnittenen und spitzenfiligran durchbrochenen Bodysuits auftreten. Zu ihnen gesellen sich nur drei Männer, was bereits Beziehungsprobleme andeutet, die in erregenden Pas de deux ausgetragen werden. Auch ergehen sich Paare in verliebter Zweisamkeit (Fabienne Schärer und Yubao Guo) oder erinnern zu trauriger Musik an den „Tod und das Mädchen“. Da sind Tänzerinnen, die lauernd beiseite stehen, zickig ihren Partner verlassen oder verlassen werden. In Transversalen finden sich Gruppen, die schwingen, springen und drehen, um sich schlussendlich aufzulösen.

Trotz mancher künstlich wirkender Konstruktion sind die Konzepte der drei Choreographen samt witzig in die Tänze eingefügter Sprech-, Plapper- und Lachmomente durchweg innovativ. Kleinere Schwächen überstrahlt das sympathische Ulmer Ensemble mit Tanzfreude und handwerklicher Kompetenz.