Es regnet auf der Heide...

Es regnet auf der Heide...

von links: Peter Rene Lüdicke (Kent), Martin Schwab (Lear) und Lea Ruckpaul (Narr).

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Einfach nur Geschichten erzählen

von Manfred Jahnke

William Shakespeare: König Lear

Premiere: 23.02.2018
Schauspiel Stuttgart
Homepage: https://www.schauspiel-stuttgart.de/

Regie: Claus Peymann

Peymann ist ein Mythos in Stuttgart. Unvergessen seine großen Klassikerinszenierungen, „Faust“, „Iphigenie auf Tauris“ oder „Käthchen von Heilbronn“ zu Beginn der 80er Jahre. Aber dann war er weg. Und nun, als 80jähriger ist er wieder zurück in Stuttgart und hat sogar einen weiteren 80jährigen mit nach Stuttgart gebracht: Martin Schwab. Fast zu viel des Glücks, einen solchen König Lear zu sehen, grauhaarig, mit nur ganz wenigen Gesten einen ganzen Kosmos des Wahnsinns auslotend, zwischen Hybris, Wahn und wachen Momenten atemberaubend changierend und dabei verspielt wie ein Kind, wenn er zwecks Reichsteilung sein Land auf dem Boden einkreiselt. Peymann und Schwab entwickeln ihr Spiel  mit großer Wahrhaftigkeit  aus den vom Text vorgegebenen Situationen.  Und dann ist da auch noch Lea Ruckpaul als Cordelia und  Narr, die mit ihrer ungeheuren Präsenz und ihrer Neugierde das Publikum mitreißt: die naive Unschuld, die sie ihren Figuren mitgibt, verleiht ihrem Spiel eine besondere Dringlichkeit. In dieser Inszenierung schändet Lear die Unschuld seiner jüngsten Tochter, was der ganzen Geschichte einen starken Drive gibt.

Wenn Peymann mit wunderbaren Schauspielern wie Schwab und Ruckpaul zu großer Form aufläuft, dann ist er ein begnadeter Geschichtenerzähler. Auch im „König Lear“ tut er erst einmal nichts anderes, als die vom Text vorgegebenen Situationen szenisch auszuloten. Er wählt dazu als Bezugspunkt die Analysen von Jan Kott („Shakespeare heute“ (deutsch 1970)), der nicht nur nachdrücklich hinweist, dass Cordelia und der Narr  - in ihren Charakteren ähnlich -von dem selben Spieler „gedoubelt“ wurden, sondern auch die engen Bezüge zu Becketts „Endspiel“  klar darlegt. Und in der Tat, wenn Lukas T. Sperber als Edgar seinen des Augenlichts beraubten Vaters Gloster, von Elmar Roloff im schmerzhaften Konflikt zwischen Loyalität und Menschlichkeit, zwischen aufbrausender Emotion und tiefer Depression oder zwischen Biedermann und Empathie gespielt, scheinbar an die Klippen von Dover führt, wo dieser Selbstmord begehen möchte,  wenn in den Verkleidungsszenen von Kent oder von Edgar auf der Heide das Spielen selbst zum Thema wird, dann sind  Kotts Analysen sehr  gegenwärtig.

Der szenische Raum von Karl-Ernst Herrmann erinnert  an die Ästhetik der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts und wirkt doch zugleich sehr gegenwärtig. Ein von schwarzen Wänden und Lichtröhren eingegrenzter Raum, der eine leichte Schräge ist, mit einem großen weißen Kreis, der die Welt symbolisiert, auf allen Seiten von Glastüren umschlossen. In diesem Raum hängt die Krone, die Lear bei der Verteilung seines Landes an die Töchter abgegeben hat  und  die am Schluss von Edgar – nach den vielen Toten – als neuer Herrscher angenommen wird. Ansonsten werden im Spiel drei bunte Plastikstühle, ein Handwagen, Zweige oder Stöcke benutzt. Vom Schnürboden wird eine einsame Glühlampe oder ein Neondreieck herabgelassen, um die unterschiedlichen Spielorte zu verdeutlichen. Obwohl dieses Bühnenbild kaum Verwandlungen braucht, werden immer wieder Blackoutss zwischen die Szenen gesetzt, was den Handlungsablauf zunehmend stört und eher einer filmischen denn theatralen Haltung entspricht.

Nach vorne hin schließt ein schwarzer leichter Vorhang die Bühne, auch, um den filmischen Eindruck zu verstärken. Er darf im Sturm auch im Wind flattern, wie überhaupt Peymann überraschend dominant mit naturalistischen Geräuschen arbeitet. Hier donnert und blitzt es heftig, Regen rauscht im Hintergrund und feuchte Wolken stehen über der Bühne. Mal hört man auch aus einer der Türen Discomusik, die daran erinnert, dass Lear mit seiner Mannschaft nach dem Verzicht auf die Krone einfach nur feiern möchte. Verortet wird das Geschehen, folgt man den Kostümen von Margit Koppendorfer , in einer zeitlosen Gegenwart. Martin Schwab trägt Weiß, die Goneril der Manja Kuhl ein hinten tief ausgeschnittenes enganliegendes, weinrotes  Kleid, wie Caroline Junghanns als Regan in Grün. Nur die Kostüme von Lea Ruckpaul fallen heraus. Als Cordelia trägt sie eine Art Schlapperkleid und als Narr ein klassisches Narrenkostüm, das auch in den heutigen Karneval passen würde, samt Narrenkappe, die nach der Pause vorne an der Rampe liegen bleibt und ein wenig überdeutlich auf die Narrenhaftigkeit dieser Welt verweist

Die Männer bleiben in dieser Inszenierung merkwürdig blass, nicht nur in den Farben der Kostüme. Sei es Michael Stiller als Albany, Andreas Leupold als Cornwall, Horst Kotterba, Jürgen Lingmann oder Boris Burgstaller, sie entwerfen in ihren kurzen Auftritten Typen. Peter René Lüdicke als treuer Kent, der zwischen den Fronten zu vermitteln versucht, entwickelt seine Figur mit komödiantischen Zügen, Jannik Mühlenweg stellt  die Aasigkeit seiner Figur Edmund aus, versucht den intriganten, „bösen“ Bastard durchzuhalten, der  staunt, wie leicht er sein Geschäft betreiben kann. Nein, Peymann arbeitet mit einem überzeugenden Ensemble und mit leichter Hand eine Fülle von Geschichten heraus. Das macht er souverän. Und das Publikum feierte seinen Mythos.