"Macbeth" in Weimar mit Susanne Wolff (Macbeth) und Corinna Harfouch (Lady Macbeth)

"Macbeth" in Weimar mit Susanne Wolff (Macbeth) und Corinna Harfouch (Lady Macbeth)

© Foto: Candy Welz
Schauspielkritik

Macht-Groteske

von Ute Grundmann

Shakespeare: Macbeth

Premiere: 18.08.2018
Deutsches Nationaltheater Weimar
Homepage: https://www.nationaltheater-weimar.de

Regie: Christian Weise

In Macbeths Reich regieren Zwitter. Die Macht und der Kampf darum hat die Menschen deformiert, jede kann jeder sein und umgekehrt. Mit diesem spannenden Konzept geht Regisseur Christian Weise an Shakespeares Drama heran. Mit seiner Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar wurde das Kunstfest Weimar als Koproduktion beider eröffnet. Und gemäß dem Grundgedanken spielt Corinna Harfouch Macbeth und seine Lady, Susanne Wolff ebenso.

Lane Schäfer hat die Kostüme auf die Inszenierungsidee eingestimmt: Grotesk ausgestopfte Körper, mit Brüsten und Penis, von einem Kilt (Macbeth) oder einer Stola nur notdürftig bedeckt; auch die maskenhaften Köpfe sind verformt. Will sagen: Weder Geschlecht noch Herkunft oder Stellung bewahren vor den Deformationen des Kampfes um Thron und Land. Ebenso stimmig das Bühnenbild von Julia Oschatz: Anfang und Ende spielen vor dem Eisernen Vorhang, alles andere in einem surrealen Raum. Ein Flickenteppich (für das zerrissene Land) bedeckt den Boden, verschiedene Bühnenteile zeigen einen gemalten Saal, eine Küche, ein Klo, eine rote Telefonzelle und eine echte Straßenlaterne. Begleitet werden die Szenen vom Bläserquintett der Staatskapelle Weimar in Skelettkostümen.

Was Regisseur Christian Weise hier inszeniert hat, ist nur äußerlich eine Groteske, aber inhaltlich so gefährlich und erschreckend wie Shakespeares Stück, auch in der schnellen, harten, teils saloppen Übersetzung Heiner Müllers. Hexen mit Lamettahaaren flüstern bedrohlich, aus Angst vor der Mordtat scheißt Macbeth (Susanne Wolff) ins Klo, während die Lady (Corinna Harfouch) sich zynisch verhält. Zwischen beiden gibt es später eine Als-Ob-Prügelei auf Distanz. Der Mord an Duncan (Bernd Lange) ist ein Gemetzel auf offener Bühne, an zwei Messern bleiben blutrote Streifen zurück. Macduff (Krunoslav Sebrek) kommt zwar wie eine Frankenstein-Figur auf Plateausohlen daher, wird aber zum gewitzten Rächer.

Diese wunderbar dichte und überzeugend gespielte Macht-Groteske lässt das Publikum nur mal kurz kichern, ansonsten bleibt es in diesen zwei Stunden absolut still. Da bräuchte es die politischen Extempores (Corinna Harfouch gibt eine kleine Hitlerei zum Besten) gar nicht, die Parallelen zum Heute werden auch so deutlich. Und der Satz der Lady zu Macbeth, „Du bist ja ganz entmannt in Wahnsinn“, sagt auch viel über das hier entworfene Irrenhaus. Die Musiker spielen dazu mal lieblich, mal hart und rhythmisch und manches klingt wie eine Moritat à la Kurt Weill. Und das Ende vor dem Eisernen Vorhang ist fast brechtisch: Harfouch als Macbeth tänzelt nach vorne, spricht „Mein Tod wird euch die Welt nicht besser machen“, lächelnden Schalk in Stimme und Mimik. Am Ende minutenlanger Jubel, ein furioser Auftakt für Christian Holtzhauers letztes Kunstfest, ehe er als Schauspieldirektor ans Nationaltheater Mannheim wechselt.