Wajdi Mouawads „Himmel“ am Jungen Schauspielhaus Hamburg

Wajdi Mouawads „Himmel“ am Jungen Schauspielhaus Hamburg

Florens Schmidt

© Foto: Sinje Hasheider
Schauspielkritik

Die Poesie des Terrors

von Jens Fischer

Wajdi Mouawad: Himmel

Premiere: 20.02.2015 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Junges Schauspielhaus Hamburg
Homepage: http://schauspielhaus.de

Regie: Konradin Kunze

Das wurde so – nicht gewollt. Während die Schauspieler ein Stück proben, in dem die Katastrophe des 11. September neu droht, geschehen die jüngsten Anschläge in Paris, gefolgt von dem in Kopenhagen. Plötzlich steht das eh schon aktuelle Stück superaktuell da. Und befördert noch die Wahrnehmung, die der Autor kritisch hinterfragt: den Reflex, bei Attentaten immer gleich an Islamismus und Dschihad zu denken. Als Drahtzieher sucht auch eine Antiterroreinheit in Wajdi Mouawads „Himmel“ stets nach Menschen mit arabischen Namen. Die Elitebeamten können und dürfen sich laut ihrer Vorgesetzen auch gar nicht vorstellen, dass es diesmal nicht gegen Liberalismus, Kapitalismus, Globalisierung, Gottlosigkeit geht. Sondern um ein Fanal gegen den Krieg als Desaster des Zivilisationsprozesses. Damit bleibt Mouawad seinem Thema und Trauma treu. Dem kriegerisch verheerten Libanon entfloh seine Familie über Paris nach Kanada. Sein jetzt am Jungen Schauspielhaus deutschsprachig erstaufgeführtes Stück bildet den Abschluss einer Tetralogie von Bürgerkriegsparabeln, die vom Abschlachten und den Verbrennungen an Leib, Geist und Seele der Überlebenden erzählen, dabei kollektives Kollabieren mit individuellen Schicksalen verknoten. Im Fokus stehen meist junge Erwachsene, die mit ihren Ahnen einige Rechnungen begleichen wollen. Lodernd vor Zorn.  

Das Publikum hockt in Hamburg auf quietschenden Minidrehstühlen mitten im Bühnenraum, ist Statisterie und soll Statuen darstellen, mit denen die Einsatzzentrale des Sonderkommandos geschmückt ist. Um die Zuschauer herum wird agiert als wären sie unbeachtete Objekte im Spiel der Mächtigen, ihrer noch mächtigeren NSAs und einiger mächtig Angst verbreitender Gegner. Regisseur Konradin Kunze verortet das Stück mit diversen lokalpatriotischen Anspielungen in Deutschland.

Direkt scheint das Personal dem Bundeskanzleramt unterstellt, ist per Videokonferenz mit Vertretern der einflussreichsten westlichen Staaten verbunden und skypt mit der eigenen Familie, um den Kontakt zur zu rettenden Welt nicht zu verlieren. Aber wir sind in keiner Hightechkaserne des modernen Überwachungsstaates. Die Spielinseln mit ihren altmodischen Büroinstallationen kommen betont schäbig daher, was sowohl die technische Ausstattung wie die Möblierung betrifft. Auf Bildschirmen pulsieren Diagramme, TV-Nachrichten flimmern und Satellitenüberwachungsbilder flackern. Dramatisch dreht sich alles – wie immer beim handwerklich guten Krimiautor Mouawad – um die Enthüllung der Wahrheit. Peu à peu werden Indizien zu Fährten  zusammengepuzzelt. Die versehrte Gegenwart wird ab und an mit Mythen der Antike kurzgeschlossen – und reichlich Spionagethriller-Zinnober aufgefahren: Entschlüsseln von abgehörten Telefonaten, Codes, Passwörtern, Anagrammen, Algorithmen. Tintorettos „Verkündigung an Maria“ (1583/87) bekommt eine prominente Rolle. Ukrainische Gedichte und höhere Mathematik eröffnen koalierend Abgründe in einem Laptop. Jederzeit könnte ein Nachfahre Jesu oder auch Luzifer persönlich das Dunkel erleuchten. Aber Mouawad holt einen Computernerd als Superdetektiv ins Stück. Und setzt auf Tempo mit filmisch collagierten Szenen. Aber der Autor hat die Bedrohung im Gegenschnitt vergessen: Bösewichte, panische Politiker, von Medien hysterisierte Bevölkerung etc. Trotzdem bleibt es spannend, weil das Ensemble höchst überzeugend ihre beschleunigende oder verzögernde, verwirrende oder emotionalisierende Funktion bei der Tätersuche erfüllt und sich dabei die Typologie ihrer Figuren eindrücklich erspielt – auch wenn sie nur Marionetten des Plots sind. Der auf eine wirklich gute Pointe hinausläuft: die Erweckung einer neuen Jugendbewegung, geboren in all den aktuellen Kriegen, aufgewachsen im Schatten ihrer Leichenberge.

Ein globales Netzwerk werdender Anarchisten habe sich so gebildet, erfahren wir, und versuche Weltschmerz in der Poesie des Terrors zu formulieren. Performancekunst eben – nur mit mörderischen Mitteln. Per Selbstmordanschlag in Schutt und Asche gelegte Musentempel in Padua, New York, Paris London, Sankt Petersbug, Tokio, Hamburg und Montreal sollen als „Topografie der massakrierten Jugend“ die symbolische Rache an den Ländern darstellen, die im 1. und 2. Weltkrieg „das Blut der Söhne eines Jahrhunderts vergossen“ haben. So arg pathetisch – steht das im Stücktext. Reißt aber nicht mit. Lediglich die Spannung des Lösens der Rätsel funktioniert. Da der Text gar nicht vorsieht, diese selbst theatral zu verhandeln. Alles wird nur ausführlich in einer Art Powerpointvortrag final erläutert und ist damit erledigt – kann  nicht mehr anregend in den Köpfen der Zuschauer explodieren, wie es sich Mouawad für seine Geschichten einmal gewünscht hatte.