vorne Cédric Pintarelli, Helene Schmitt; hinten Uwe Topmann, David Benito Garcia

vorne Cédric Pintarelli, Helene Schmitt; hinten Uwe Topmann, David Benito Garcia

© Foto: Christian Kleiner
Schauspielkritik

Stück der Stunde

von Manfred Jahnke

Ulrich Hub: Nathans Kinder

Premiere: 10.03.2017
Nationaltheater Mannheim, Schnawwl
Homepage: https://www.nationaltheater-mannheim.de

Regie: Theo Fransz
Vorlage: Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

Es ist so etwas wie das Stück der Stunde im Theater für ein junges Publikum. In dieser Spielzeit kann man „Nathans Kinder“ von Ulrich Hub auf sieben deutschen Bühnen sehen. Seit der Uraufführung 2009 scheint diese Version der Lessing`schen Parabel noch an Aktualität hinzu gewonnen zu haben. Hub erzählt die Geschichte des Kampfes, welche der drei großen Konfessionen die wahre Religion vertritt, aus der Perspektive des jungen Tempelherrn Kurt und Rechas, der angenommenen Tochter Nathans. Er ist desillusioniert, möchte nach seiner wundersamen Errettung vor dem Schwert des Sultans nicht mehr Tempelherr sein, mehr noch, er zweifelt an Gott, zumal er von Bischof und Sultan instrumentalisiert wird: Beide möchten sie ihn überreden, den jeweils Anderen zu töten.

Hub konzentriert die Handlung von Lessing auf fünf Personen, neben den beiden jungen Menschen agieren nur noch Nathan, der Bischof und der Sultan, die mit einer direkten Grellheit aufeinander prallen und das politische Ränkespiel, das sich religiös einkleidet, durchschaubar machen. Es wird nicht taktiert, sondern man geht sich direkt an, wie Theo Fransz am Jungen Nationaltheater Mannheim zeigt. Da schlagen sich Bischof und Sultan nicht nur gegenseitig in die Genitalien, sondern da geraten die Drei in einem nahen körperlichen Ringkampf, fassen sich gegenseitig an die Nasen. Sie wären wohl auf ewig so ineinander verhakt, wenn denn nicht Kurt und Recha eingreifen würden. Da hat Fransz ein drastisches Sinnbild für die Absurdität der Religionskriege gefunden. Aber „Nathans Kinder“ ist auch eine Auseinandersetzung mit Väterbildern. Kurt kennt seinen Vater nicht, Recha liebt ihren vermeintlichen Vater, aber sie erlebt nun dessen Fürsorge als Einengung und kann mit dessen grundsätzlichen Misstrauen anderen Menschen gegenüber nicht umgehen. Entsprechend entwickelt sich das Stück zu einer Emanzipationsgeschichte, zumal Hub viele Erziehungssituationen vorführt, die jeder junge Mensch aus eigener Erfahrung kennt.

Helene Schmitt führt das als Recha ganz direkt vor. Als scheinbar naives „kleines Mädchen“ agiert sie in ihrem Körper. Wie sie der Geschichte Nathans zuhört, wie sie dabei ihre Traurigkeit in wenigen Gesten ausdrückt, ihr Mit-Leiden durchlässig macht, den Prozess hin zu einer selbstbestimmten Tochter und Frau entwickelt, das führt die Schmitt großartig vor. Cédric Pintarelli spielt den Kurt als jemanden, der trotz aller Nachdenklichkeit schnell aufbraust. Im Wechsel zwischen depressiven und wütenden Augenblicken entwickelt er überzeugend das Profil eines jungen Mannes, der sich von den Vorurteilen der Alten frei machen möchte. Auch Uwe Topmann führt seinen Nathan nicht als alten Weisen vor, sondern als einen Menschen, der aus Fürsorge und Angst sich klammert, der auch unsicher ist in den politischen Ränkespielen. Wie er mit leiser, fast monotoner Stimme von seinen toten Kindern erzählt, oder wie ihm beim Erzählen der Ringparabel die Stimme versagt, so dass Recha die Geschichte zu Ende bringt, sind emotionale Höhepunkte der Aufführung. David Benitro Garcia als aalglatter Bischof und Sebastian Brummer mit seinem körperbetonten Spiel als Sultan ergänzen dieses eingespielte Ensemble, dem Theo Fransz mit seinen sinnfälligen Einfällen viele Spielmöglichkeiten schafft.

Fransz ist ein Regisseur, der stark mit choreografischen Momenten arbeitet. Hierbei hilft ihm das Bühnenbild von Mareile Krattek, die drei große terrassenartig gestufte Podeste hat bauen lassen, die nach oben hin spitz geformt sind und an abstrahierte Bergkegel erinnern. Das Ensemble schiebt diese auf der Bühne hin und her, um schnell neue Räume zu schaffen. Zu Beginn, beim Einlass sind die Spieler auf der Bühne, werden auf den Terrassen weiße Kartons mit ausgeschnitten Fenstern verteilt, die an Bilder von Jerusalem erinnern. Auf den ersten Blick scheinen alle das gleiche Kostüm zu tragen, auf den zweiten zeigt sich, dass alle Fünf beige (oder hellbraune?) Hosen tragen, die Jackette der Männer zwar die gleiche Farbe haben, aber ganz unterschiedliche Zuschnitte. Recha trägt ihr Jackenteil um die Hüfte geschwungen und hat ein weißes Shirt an. Auch diese symbolhafte „Uniformierung“ hat Mareile Krattek entworfen. Markus Reyhani hat dazu eine mit orientalischen Momenten arbeitende Musik komponiert, die in den Szenen ganz leise eingespielt wird, bei den Umbauten hingegen wird sie laut.

„Nathans Kinder“ ist die letzte große Ensembleinszenierung am Jungen Nationaltheater Mannheim unter der Direktion von Andrea Gronemeyer. Sie zeigt noch einmal, was für ein großartiges Ensemble sie über die Jahre zusammengeführt hat.