"Die lächerliche Finsternis" im Theater Ulm

"Die lächerliche Finsternis" im Theater Ulm

© Foto: Martin Kaufhold
Schauspielkritik

Backstage auf dem Hindukusch

von Manfred Jahnke

Wolfram Lotz: Die lächerliche Finsternis

Premiere: 04.01.2018
Theater Ulm
Homepage: https://theater-ulm.de/

Regie: Andreas von Studnitz

Nein, hier tönt keine laute Häckselmaschine wie in der Pause der Wiener Uraufführung.  Stattdessen sitzen die Zuschauer auf der Bühne, genauer auf deren Drehscheibe, die nicht nur kreist, sondern sich auch senkt und hebt. Und so sieht der Zuschauer backstage in den dunklen Zuschauerraum, in dem nur die Projektion von Wolken zu sehen ist. Ein Scheinwerfer blendet. Man sieht die Nebenbühnen, die vielen Etagen der Bühne, schaut auf die Schlaginstrumente des Orchestergrabens. Man beobachtet den Inspizienten geschäftig am Pult oder den Feuerwehrmann, der aufmerksam die Szene beobachtet. Nun könnte man meinen, dass dieses von Mona Hapke (Ausstattung) genutzte Ambiente für „Die lächerliche Finsternis“ den Zuschauer von der eigentlichen Handlung ablenkt. Im Gegenteil  entwickelt diese Bühne aber einen ganz eigenen Sog: Nicht nur, weil die Schauspieler so hautnah agieren, sondern auch, weil man ständig in Bewegung gehalten wird und so am eigenen Körper eine ganz eigene Reise in den Dschungel am Hindukusch erlebt.

Wolfram Lotz zeigt in seinem Hörspiel die immer noch herrschenden kolonialistischen Strukturen im „weißen“ Denken auf, die Anmaßung, über Menschen zu richten, die in ganz anderen Lebens- und Kulturverhältnissen aufwachsen. Das wird im Vorspiel deutlich, in dem Aglaja Stadelmann mit großer Intensität den Somali Ultimo spielt, der als Pirat vor einem Hamburger Gericht steht. Aber auch in der „Haupthandlung“, in der zwei Bundeswehrsoldaten den Hindukusch entlang fahren, um den Oberstleutnant Deutinger zu suchen, der liquidiert werden soll, weil er im Wahn zwei Kollegen erschossen hat. Stefan Maaß spielt den Feldwebel beeindruckend klarsichtig, immer eine genaue Trennlinie zu seinem Untergebenen Stefan Dorsch haltend, von Benedikt Paulun leicht tumb gespielt, wobei in den Untergebenengesten  nie ganz deutlich wird, ob er sie ernst oder ironisch nimmt. Beide zusammen fungieren als kleines Abbild von Stan und Laurel.

Lotz flicht in seinen Text auch immer wieder Selbstreflexionen ein, die hier unter Verwendung eines you tube-Interviews per Video eingespielt werden. U.a. beklagt der Autor, dass es ihm nicht gelänge, weibliche Rollen hineinzuschreiben. Die Ulmer Inszenierung des scheidenden Intendanten Andreas von Studnitz besetzt die Bundeswehr männlich – neben Maaß und Paulun noch sich selbst als Deutinger, der per Video eingespielt wird -, alle anderen Figuren, denen die beiden auf den unterschiedlichen Stationen des Spiels begegnen, aber weiblich. Das macht Sinn, weil alle diese Figuren Träger des Missverstehens, also des kolonialen Denkens sind und ihre Auftritte, die in Ulm zu großen solistischen Auftritten genutzt werden, von satirischer Qualität sind. Sei es Beatrice Panero als italienischer Blauhelm, der darunter leidet, dass die Einheimischen im Stehen pinkeln und kein Internet im Kriegsgebiet vorhanden ist, sei es Christel Mayr als Kaufmann, der mitten im Dschungel auch mit Investmentfonds handelt: kleine Kabinettsnummern. Dabei ragt Julia Baukus als Reverend Lyle Carter hervor, eine Kabarettnummer vom Feinsten.

In seiner klugen Inszenierung setzt von Studnitz auf den Raum, auf sein Ensemble und das Spiel von Licht und Video sowie unnötige lärmende Musikeinspielungen. Gerade im Zusammenspiel von Raum und Spiel, beide die Theaterhaftigkeit der Vorgänge betonend, wird ein weiter Denk- und Assoziationsraum geöffnet, der aktiv mit der Phantasie der Zuschauer gefüllt werden muss. So etwas hat man in Ulm lange nicht erlebt.

Am Ende dann vielleicht die stärkste Szene des Abends: Aglaja Stadelmann tritt als Tofdau, der Freund von Ultimo, auf und beginnt ihre Geschichte zu erzählen in den leeren schwarzen Zuschauerraum hinein. Mit dem Rücken zum Publikum auf der Bühne. Während der Wagen mit den Zuschauern langsam immer mehr Richtung Hinterbühne gezogen wird, sich der Abstand immer mehr vergrößert, die Erzählung immer unverständlicher wird, bis ein Black das Spiel beendet. Ein ungeheurer intensiver Moment, der alles sagt über die europäische Arroganz gegenüber anderen Welten…