Ensembleszene

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© Foto: Birgit Hupfeld
Schauspielkritik

Weimar war was anderes

von Alexander Jürgs

Tony Kushner: Willkommen in Deutschland

Premiere: 01.04.2017 (Deutschsprachige Erstaufführung)
Schauspiel Frankfurt
Homepage: https://www.schauspielfrankfurt.de

Regie: Katrin Plötner

Gregor Patzwald, genannt Patz, ist ein homosexueller Hedonist und Anhänger der Theorie, dass unerfüllte Sexualität dazu führt, dass Menschen für autoritäre Regime anfällig werden. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis wird er inhaftiert, verprügelt, dann jedoch wieder freigelassen. Verzweifelt fährt er nach München, mit dem Vorsatz, sich das Leben zu nehmen, im Gepäck hat er eine geladene Pistole. Doch Patz ändert seinen Plan, er fasst neuen Mut, nach einem Tête-à-Tête mit einem attraktiven Mann besucht er ein Kino. Plötzlich betritt Adolf Hitler das Lichtspielhaus im Trenchcoat, bewacht von einer Gruppe Leibwächter. Mit der Pistole, die er immer noch bei sich trägt, könnte Patz den Despoten erschießen. Doch er drückt nicht ab. Warum nur? Das fragen ihn seine Freunde vorwurfsvoll nach der Rückkehr nach Berlin. „Ich will nicht sterben“, antwortet Patz.

Wie verhältst du dich, wenn die politische Lage ins Unerträgliche kippt? Wie reagiert jeder einzelne von uns, wenn eine Diktatur, ein Unrechtsregime droht? Davon handelt Tony Kushners 1985 uraufgeführtes Stück „A Bright Room Called Day“. In den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels ist es nun, 32 Jahre später, unter dem Titel „Willkommen in Deutschland“ zu sehen. Regisseurin ist Katrin Plöttner, Jahrgang 1985, die in Frankfurt am Nachwuchsförderprogramm „Regie Studio“ teilnimmt. Kushners Stück beginnt in der Silvesternacht von 1931 auf 1932 und endet im Juni 1933, in dem unwiederbringlich klar wird, dass Hitlers Herrschaft über Deutschland kein Intermezzo bleiben wird.

Zu Beginn fühlt man sich wie in ein Gemälde von Otto Dix versetzt. Die Freunde tanzen berauscht durch die Nacht, die Frauen tragen glitzernde Paillettenkleider und Bubikopf, es gibt Schaumwein, Schnaps und eine Opiumpfeife, über den Aufstieg der Nationalsozialisten wird da noch gescherzt. Am Ende liegen die Darsteller erdrückt unter einer metallenen Decke, mit blut- oder rußverschmierten Gesichtern. Geschlagene sind sie nun, Verzweifelte. Aus dem silbernen Lametta, das zu Beginn von der Decke rieselte, ist längst schwarze Asche geworden. 

„Willkommen in Deutschland“ spielt im Künstlermilieu. Zwei Schauspielerinnen, eine Malerin, die sich in der KPD engagiert, ein ungarischer Kameramann und der homosexuelle Patz bilden den Freundeskreis. Sie alle zwingt der aufkommende Nationalsozialismus zu Entscheidungen. Soll man fliehen? In den Untergrund gehen? Paulinka Erdnuss, eine psychisch labile Mime, gespielt von Paula Hans, steht vor der Frage, ob sie auf das Angebot der neuen Machthaber, sie zu einer Ikone des deutschen Kinos zu machen, eingehen soll. Kushner beschreibt diese Zwiespalte, ohne sich ein moralisches Urteil zu erlauben. Sein Stück zwingt einen zum Nachdenken darüber, wie man selbst in einer ähnlichen Situation handeln würde.

Im Zentrum der Geschichte steht Agnes Eggeling, auch sie eine Schauspielerin mit Sympathien für die kommunistische Idee. In ihrer Wohnung treffen sich die Freunde, an ihr wird am augenscheinlichsten deutlich, wie das Ringen darum, in einer dramatischen Situation das Richtige zu tun, einen Menschen zerreibt. Wie Jeanne Devos diese Figur spielt, diese Verwandlung von der Femme fatale zum Wrack, ist beeindruckend.  

Schon in Tony Kushners Originalfassung gab es eine Nebenhandlung, die in der Gegenwart spielte. Eine Frau mit dem Namen Zilla kommentierte dabei die Politik des neugewählten US-Präsidenten Ronald Reagan. Für die Frankfurter Fassung von „Willkommen in Deutschland“ hat die österreichische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz dieser Figur nun neue Texte auf den Leib geschrieben. Streeruwitz’ Zilla erinnert an das Leid der Flüchtlinge, sie empört sich über den Hass gegen den Feminismus, sie fordert zum Handeln auf. Mal lässt die Regisseurin sie am Rand der Bühne stehen, mal greift sie in die Szenen ein. Ganz am Ende kriecht die von Carin Zichner gespielte Zilla gemeinsam mit den anderen Schauspielern unter die alles erdrückende Decke und ruft zur „Revolution gegen die Revolution“ auf. Das ist ein überaus problematisches Bild. Denn indem Zilla zum Teil der Gruppe oder gar deren Anführerin wird, verschwimmen Gegenwart und Drittes Reich nun gänzlich, die Singularität des Nationalsozialismus wird – mindestens unbewusst – in Frage gestellt. Doch von Verhältnissen wie am Ende der Weimarer Republik ist Deutschland aktuell – trotz aller Sorge über die Erfolge der Rechtspopulisten – weit entfernt. Wer die dreißiger Jahre und die Gegenwart gleichsetzt, verharmlost die Nazi-Diktatur.