Daniel Hoevels als Ronald Rupp mit Ehefrau Kathleen (Anja Schneider)

Daniel Hoevels als Ronald Rupp mit Ehefrau Kathleen (Anja Schneider)

© Foto: Arno Declair
Schauspielkritik

Sprache und Wirklichkeit

von Ulrike Kolter

Thomas Melle: Versetzung

Premiere: 17.11.2017 (Uraufführung)
Deutsches Theater Berlin
Homepage: https://www.deutschestheater.de

Regie: Brit Bartkowiak

Ronald Rupp: Schon der Name ist ein kleines Sprachspiel, so wie das gesamte als Drama überschriebene Stück vor Wortkaskaden schäumt. Knackige, teils gereimte und überwiegend abgehackte Dialoge wechseln mit philosophischen, kontemplativen Monologen über kosmische Daseinszufälle – so wird Sprache gekonnt zum Spiegelbild einer inneren Welt völliger Zerrissenheit der Hauptfigur: Ronald Rupp ist bipolar wie auch der Stückautor Thomas Melle. Seine Lebenswirklichkeit besteht nur in Extremen.

„Versetzung“, geschrieben als Auftragswerk fürs Deutsche Theater Berlin, ist nach dem Roman „Die Welt im Rücken“ ein weiteres Stück Melles, in dem er die eigene Krankheit literarisch verarbeitet. Während „Die Welt im Rücken“ (uraufgeführt in einer Inszenierung von Jan Bosse am Wiener Burgtheater im März dieses Jahres) schonungslos offen die weltfremden, peinlichen Episoden von Manie und Depression ausbreitet, uns mit einem Scheitern bis zu Suizidversuchen und wiederkehrenden Psychiatrieaufenthalten konfrontiert, steht die Hauptfigur von „Versetzung“ an einem ganz anderen Lebenspunkt: Ronald Rupp (Daniel Hoevels) ist seit zehn Jahren episodenfrei, medikamentös gut eingestellt, als Lehrer geachtet von Schülern wie Kollegium und aufrichtig geliebt von seiner Ehefrau und ewig strahlenden Glückskursgeberin Kathleen (Anja Schneider). Als Krönung steht Ronald die Beförderung zum Rektor und ­die erste Vaterschaft bevor. Wenn da nicht die Vergangenheit wäre...

Johanna Pfau hat auf die Bühne der Kammerspiele ein hängendes, blaues Plateau gebaut, mit Aquarium drauf und einem Holzquader zum Sitzen. Wie herbeidelegierte Spielfiguren kommen alle und gehen wieder in der rastlosen Regie von Brit Bartkowiak: Wer grad nichts zu sagen hat, verschwindet auf Stühle im hinteren Bühnendunkel. Neben dem Lehrerpaar Ronald und Kathleen besteht das Kollegium aus ziemlichen Klischeefiguren: die steife, überkorrekte Inga mit Strickweste (köstlich: Judith Hofmann), der dicke Falckenstein (Christoph Franken) als erklärter Naturwissenschaftler, ewig frustriert und neidisch auf Ronalds Erfolg bei Frauen – und schließlich Rektor Schütz als gütiger Philanthrop am Ende seiner (Lebens-)Laufbahn (herausragend: Helmut Mooshammer). Auch die beiden Schüler Sarah (Linn Reusse) und Leon (Caner Sunar) sind nur Exempel für die beiden Pole Streber- und Außenseiterdasein.

Als dann Manu (Birgit Unterweger), die Mutter von Sarah, zum Elterngespräch bei Ronald aufkreuzt, überschlagen sich die Dinge; verbale Provokationen und wilde Grapschereien inklusive Wasserschlacht folgen. Wer mit wem früher mal was hatte, bleibt unklar, aber Ronald, dem der Makel von Therapie und Krankheit sowieso gerüchteweise anhängt, wird schnell zum gewalttätigen Sündenbock erklärt. Vor allem, als noch Problemschüler Leon durchdreht, mit dem sich Ronald zuvor verbündet hatte, weshalb dessen Vater und Arzt Mollenhauer (gekünstelt schleimig: Michael Goldberg) versucht, Ronald zu erpressen.

Wie zu erwarten, zerbricht Ronald Rupp an all dem, wird paranoid und rasend. Wie sich Daniel Hoevels in dessen zunehmende Manie reinsteigert, körperlich rastlos die Melleschen Sprachexzesse durchsteht, verdient höchste Anerkennung. Trotzdem bleibt man am Ende seltsam unberührt, bleibt das Spiel nur artifizielles Sprachspiel. Brit Bartkowiak inszeniert nah am Text, der das auch verdient hat mit seiner fast Wittgenstein’schen Bedeutungssuche („Die Welt ist das Wort, mehr nicht.“) Für mehr Authentizität und Empathie gegenüber Ronald Rupp wünscht man dem Stück noch weitere Inszenierungsversuche.