Nina Mattenklotz inszeniert Thomas Melles "Ännie" am Theater Bremen.

Nina Mattenklotz inszeniert Thomas Melles "Ännie" am Theater Bremen.

Abiturfeier - als Warten auf Ännie. Von links nach rechts: Alexander Swoboda, Gabriele Möller-Lukasz, Lisa Guth, Martin Baum, Peter Fasching.

© Foto: Jörg Landsberg
Schauspielkritik

Wer ist Ännie?

von Jens Fischer

Thomas Melle: Ännie

Premiere: 24.11.2016 (Uraufführung)
Theater Bremen
Homepage: www.theaterbremen.de

Regie: Nina Mattenklotz

Diese Jugend! Ist den ganzen Tag über Computermonitore, Fernsehbildschirme, Smartphone-Displays gebeugt. Was macht die da so still digital? Plant Revolutionen, Terrorakte, rechtsnationale Putsche, sexuelle Ausschweifungen – den nächsten Karriereschritt, das Erreichen eines Online-Spiel-Levels oder die eigene Auslöschung? „Wir werden schon vor euch nicht da gewesen sein, wo ihr uns vermutet“, verkündet ein Vertreter dieser geheimnisvoll beschäftigten Jugend im Modus der Orientierungssuche. Ort der Aussage: die Uraufführung von „Ännie“ in der Thomas-Melle-Stadt. Also in Bremen, wo der Autor fürs Psychopathologische unserer Lebenswirklichkeit schon mit dem städtischen Literaturförderpreis bedacht wurde, zwei seiner Romane auf der Bühne erleben und nun einen Stückauftrag erledigen durfte.

Was derzeit so gärt oder schon brodelt in Hirnen und Herzen befördert Melle mit der Titel- als Spiegelfigur vor Augen. Also ins Bewusstsein. Weswegen das Publikum immer wieder von Bühnenscheinwerfern derart schmerzhaft geblendet wird, das es nichts mehr sehen kann, also zurückgeworfen wird auf die Bilder im eigenen Kopf. Im Bewusstsein. Wer war Ännie?

Mit ihren allseits beschwärmten Mokkaaugen, unschuldig in Zorn erglüht und mit dieser Verschlagenheit im Blick, taucht Ännie nie auf in ihrem Stück. Sie war einfach abgehauen. Mit 16. Und kam nie wieder. Die Bühne ist eine Art Puppenstube mit Wänden im Setzkastendesign. Bestückt sind sie mit Relikten ihrer Anwesenheit, Aspekten ihres Daseins. Weiß übertüncht, also vom Vergessen gebleicht hängen dort Slips im Bilderrahmen, Waffen, Barbie-Reste, Kuschelhund, Bücher, Boxhandschuhe, Empörungsnotizen zu den Ungerechtigkeiten in der Welt sind zu lesen. Davor tapern auf und ab die Hinterbliebenen. Mögliche Väter, leibliche Mutter, Pädagogen, Nachbarn, Mitschüler, Drogendealer. Jeder hat seine ganz eigenen Erinnerungen.

„So ein hochbegabtes Kind“, heißt es. „So jung, so schweinisch.“ Ein Sexmonster, das schon als Kind Opern komponierte und als Pubertierende Jacques Derridas Werke goutierte. Verführerisch radikal ihr Denken – und identifikationstauglich mutig ihr Tun. Hassenswert ihre Rücksichtslosigkeit. Polarisierend, diese Anne-Marie Wilke! Die nicht Anne, sondern Ännie genannt werden, nämlich immer anderes sein wollte als sie gerade war. Das interpretiert ihre Lehrerin aus der Lektüre der französischen Sprachphilosophie. „Die Zeit sorgt dafür, dass nichts nie dasselbe bedeutet. Wenn ich jetzt Schaf sage, und jetzt nochmal: Schaf, dann bedeutet das leicht was anderes.“ Diese „différence“ hätten Derrida-Übersetzer mit „Diffärenz“ übersetzt, „mit ä – wie Ännie“. Hübsche Theorie.

Es folgen weitere Ideen, Indizien, Geschichten zu Ännies Verbleib. Ist sie Opfer einer Gewalttat, Selbstmörderin, abgetaucht im islamophilen oder -phoben Untergrund? Trainiert sie für einen Amoklauf oder gründet die neue RAF? Erschien sie unfähig, sich mit der Welt der Angepassten und Gleichgültigen abzufinden? Weigerte sie sich mitzumachen bei der Selbstinfantilisierung als Konsument der kunterbunten Waren-, Spaß-, Drogenangebote? Jeder weiß irgendetwas. Meint irgendetwas zu wissen. Sagt etwas. Verschweigt etwas. Unzählige angebliche Fakten werden kolportiert, extrem widersprüchliche Indizien bei der Aufklärungsarbeit aufgetischt. Aber nie ist deutlich, ist das noch Erinnerung oder schon Fantasie.

Ännies Abwesenheit hinterließ ein provozierendes Vakuum, in das nach und nach Gerüchteschnipsel einrieseln und sich zu Mythen ausbilden. In denen die Hinterbliebenen ihre Ressentiments, unreflektierten Hoffnungen noch nicht verschorften Wunden aufleben lassen. Eine Projektionsfläche für alle Debatten der Zeit – inklusive der daraus folgenden Ängste und Phobien. Ein nicht neuer, aber dramatisch reizvoller Kniff.

Um den Stimmendschungel aktueller Befindlichkeiten differenziert, mal edel mal authentisch formuliert wiederzugeben, sampelt Melle seinen Mix aus chorischen, monologischen und Ping-Ping-Dialog-Zuschreibungen mit Zitaten aus Fernsehserien, „verdichtet verschwörungstheoretische Diskurse und Hassrhetoriken aus dem Internet“, wie der Autor im Nachwort schreibt, „verfremdet und permutiert“ Sentenzen von Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Sylvia Plath etc.

Regisseurin Nina Mattenklotz hat in Bremen mit den Inszenierungen der vorweihnachtlichen Familienstücke „Pünktchen und Anton“ sowie „Pippa Langstrumpf“ bisher wenig überzeugen können. Nun bändigt sie den Melle-Text – als surrealen Krimi. Die Zeit ist stehen geblieben auf der Bühne, 23.6.2014, 4:20 Uhr auf der Digitaluhr zu lesen. Das Stückpersonal scheint ebenfalls erstarrt zu sein in diesem Moment, als Ännie verschwand. Es gibt keine Entwicklung, keine Zuspitzung, keine Erkenntnis, nur gleichwertig so wahr wie falsch sein könnende Aussagen.

Mattenklotz macht deutlich, dass dann, wenn laut Melle „wahrscheinlich Ännies Stimme“ erklingt, nicht Ännies Stimme aus dem Jenseits herüberschallt. Die Figuren denken, was Ännie denkt – jedenfalls sind die Stimmen der Darsteller aus dem Off mit den Ännie-Texten zu hören. Mit denen zum Widerstand aufgerufen wird. Andockpunkt für die Erwachsenen für ihre Unzufriedenheiten und noch dumpfen Aggressionen auf der Suche nach der verlorenen Zeit ihres Lebens. Andockpunkt für die Jugendlichen für ihre Unzufriedenheiten und noch dumpfen Aggressionen auf der Suche nach dem zu gestaltenden Leben.

Leider findet das vor allem in den Worten statt. Mattenklotz inspiriert das Ensemble zu recht manieriertem Spiel. Lässt ein bisschen tanzen. Zitiert filmisch den Schwarze-Serie-Zynismus. Entfremdet sprechenden Körper und Gesprochenes – durch Mikroporteinsatz. Potenziert das noch, indem sie Dialogfragmente gleich ganz aus dem Off zuspielen lässt. Zu sehen sind eckige Bewegungen, transparentes Charisma, leise Artikulation: gebleicht wie das Bühnenbild. Und betont klischeehaft: ein Puppenspiel. Passend zur Puppenstubenanmutung.

Ein Drogendealer ist als märchenonkeliger Magier dabei (Peter Fasching). Hinzu treten der bei Gott um Erlösung barmende, schwerst verklemmte Lehrer (Alexander Swoboda) und seine schwerst frustrierte Gattin (Gabriele Möller-Lukasz): Sie  fühlt sich von Kondensstreifen sowie „Burkas und Bierbäuchen“ überall bedroht und schleudert ihren zum links-liberalen Weltbild nicht passenden Hass gegen Ännie – sortiert ihn aus, um einen Umgang damit zu finden. Toll funktioniert das Konzept nur bei Lisa Guth. Sie spielt Ännies Mutter: prollig, nuttig – schuldbewusst im Vermissen und schon recht erfolgreich darin, sich in empörter Trauer innerlich lebendig zu begraben. Gleichzeitig ist sie doch verzweifelt dabei, einen Ex-Polizisten als Privatschnüffler zur Wiederbeschaffung Ännies und ihn gleichzeitig als ihren Vater zu engagieren. Hinreißend die ephemere Laszivität der Körpersprache Guths und das äußerliche Pathos der leeren romantischen Vorstellung bürgerlichen Familienglücks. Die von Laiendarstellern gespielten Jugendlichen sind angesichts dieser Erwachsenenwelt zurückgeworfen auf sich selbst – wo sie nichts Halt bietendes finden. Zutiefst schmerzhaft. Eigentlich. Hier lässt es einen kalt. Zu distanzierend, zu kabarettös bloß stellend ist der Abend. Das Libretto klingt empathischer nach mehr …