Szene mit Saskia Petzold, Götz van Ooyen, Klaus Meininger, Tobias Beyer, Saskia Taeger und Larissa Semke

Szene mit Saskia Petzold, Götz van Ooyen, Klaus Meininger, Tobias Beyer, Saskia Taeger und Larissa Semke

© Foto: Birgit Hupfeld
Schauspielkritik

Ein symbolischer Ort

von Jens Fischer

Bernard Shaw: Haus der gebrochenen Herzen

Premiere: 16.09.2017
Staatstheater Braunschweig
Homepage: http://staatstheater-braunschweig.de

Regie: Dagmar Schlingmann

Mit der englischen Bourgeoisie vor dem 1. Weltkrieg rechnete George Bernhard Shaw in „Heartbreak House“ ab – dramatisierte im Komödienstil einer Tschechow’schen Elegie, allerdings zornig aufgeschäumt und mit dezenter Antizipation des absurden Theaters. Das könnte man melancholiesüffig in Fin-de-Siècle -Stimmung auf die Bühne schwelgen – als prima Vehikel für großes Schauspielertheater. Zur Vorstellung des Ensembles. Und ein Publikum, das selbst mitdenkt, was die Wehmut-Clique des Stücks zu tun hat mit Europa anno 2017. Aber so leicht macht es sich Dagmar Schlingmann nicht zur Schauspieleröffnung ihrer Intendanz am Staatstheater Braunschweig. Ausstellen statt einfühlen lautet das Konzept. Die Regisseurin spitzt zu, damit das nervtötende Weiter-so des antriebslos nichtsnutzigen Bühnenpersonals auch wirklich die Nerven der Zuschauer angreift und keine Alternative zur kritischen Auflehnung lässt. So entsteht kein leicht zu bejubelndes Vintage-Wohlgefühl. Das ist mutig. Aber auch ein gelungener Saisonstart?

Auftritt der genervten Amme. Sie gehört als einzige nicht zur Snob-Familie des weltentsagenden Kapitäns Shotover. Ist daher distanziert kommentierende Mittlerin zwischen Bühnengeschehen und Publikum. Bringt auch Stichworte zu aktuellen politischen Debatten ein. Und mit betont beiläufigen Zaubertricks etwas Leben in die trostlose Bude. Dieses „Haus der gebrochenen Herzen“ sei ein zivilisatorischer Skandal, behauptet die Amme. Während sich die Welt vor der Haustür zugrunde richtet, gefällt sich dahinter die müßig verfeinerte Gesellschaft in Gleichgültigkeit. Und ist davon auch schon ziemlich erschöpft.

Dass wir hier an einem symbolischen Ort sind, verdeutlicht das Bühnenbild. Zeigt den leeren Bauch eines vor sich hin rostenden Frachters, ein Narrenschiff, das längst auf Grund gelaufen ist. Nämlich in einer Art abgestorbenem Kirschgarten steht, der zusammen mit dem Hintergrundprospekt wie ein 3-D-Gemälde Franz Radziwills anmutet. Endzeit also.

Shaws Figuren werden nicht psychologisch durchdrungen, sondern auf Rollenklischees reduziert und mit einem zappelig dargebotenen Repertoire an phrasenhaften Gesten extemporiert. Larissa Semke gibt die junge Ellie in koketter Ingrid-„Klimbim“-Steeger-Manier mit kieksend naiver Mädchenstimme, Tobias Beyer den Mangan im martialisch sonoren Tonfall als Doppel-Karikatur: ein aufgeblasener Kapitalist und zynischer Politiker, ständig am Golfen und dabei onanierend den Schläger betätschelnd. Eine langmähnige Altrockstar-Type fläzt sich dazu flötend ins Bild. Des Hausherren Töchter, selbst ernannte „Enkelinnen des Teufels“, sind so gefühlsimmun wie heimtückisch und versuchen, wenigstens andere emotional aufglühen zu lassen, um sich daran zu wärmen. Haben also nichts anderes im Sinn, als Männer in sich verliebt zu machen. Indem sie bemuttern, tyrannisieren und sich als Sexobjekt in Stellung bringen. Wird ihnen daraufhin ein „verruchter Reiz“ bescheinigt, wird begeistert reagiert und als Dank ein Geschlechtsakt zelebriert. Was im Stil der Inszenierung bedeutet: aufeinander springen, Bücherstapel umwerfen und Porno-Stöhnen anstimmen. So lange sie die Männer in der Hand haben, meinen die Frauen, sei es ihnen egal, dass diese im öffentlichen Leben die Macht haben. Wuscheln also manisch weiter in ihren Haaren, eine erotisch gemeinte Marotte. Und bewegen sich dazu wie eine Schlangentänzerin oder als Grand Dame. Jede Selbstdarstellung ist hier Ausprobieren einer Illusion. Also Show. Eine ganz offen zur Schau gestellte Lebenslüge. Herzen können dabei nicht brechen, weil sie gar nicht schlagen. Trotzdem wird das gern behauptet, weil dann so hübsch romantisch monologisiert werden kann. „Nicht mal ein Einbrecher kann sich in diesem Haus normal benehmen“, ist zu hören, als ein ebensolcher auftritt und sich als Poseur der Leidensdramatik erweist.

Zwei Akte lang wird im ermüdenden Gleichmaß wird das outierte, programmatisch blutleere Vorführen schäbigen Leerlaufs gefeiert von einem Ensemble, das mit diesen Regievorgaben den Anforderungen der großen Bühne weder sprachlich noch in Sachen Körperpräsenz genügen und das Beziehungsgeflecht des Stücks nicht ausdifferenzieren kann. Unmöglich also, die Klugheit der Vorlage mit der Analyse unserer Realität abzugleichen. Ja, das könne doch so nicht weitergehen, wirft daher Ellie ein: „Das Leben muss doch einen Sinn haben.“ Ihre Geschlechterkolleginnen schlagen den Klassiker vor: Mutter werden. Sie aber heiratet den sterbenden Kapitän.

Im dritten Akt dämmern alle nur noch morbid gestimmt vor sich hin – dann bricht die finale Untergangseuphorie aus. Endlich Weltkrieg! Der Lärm der Bombenflugzeuge wird wie Beethoven-Musik begeistert empfangen. Es lockt Befriedigung der kollektiven Suizid-Lust. Auf dem Programmheft prangt die Erde als Bombe, an der die Lunte bereits gezündet ist. Alles höchst dramatisch, eigentlich. In Braunschweig aber findet nicht mal das Shaw-Drama statt.