André Vetters und Jan Kittmann in Dirk Löschners Bearbeitung von "Der Besuch" in Stendal.

André Vetters und Jan Kittmann in Dirk Löschners Bearbeitung von "Der Besuch" in Stendal.

© Foto: Randolf Götze
Schauspielkritik

Glücklose Erziehung zum Menschen

von Ute Grundmann

Sascha Löschner: Der Besuch

Premiere: 02.04.2011 (Uraufführung)
Theater der Altmark, Stendal
Homepage: http://www.tda-stendal.de

Regie: Sascha Löschner
Vorlage: H.G. Wells

Dem Engel schrumpfen die Flügel. Unter Menschen geraten, soll er so sein wie sie: Konventionell, verklemmt, angepasst. Und bei dieser „Erziehung“ zum Menschen nehmen nicht nur seine Flügel Schaden. Das ist der Kern von H.G. Wells („Krieg der Welten“) Roman „Der Besuch“ („The Wonderful Visit“, 1895), den der Chefdramaturg des Theaters der Altmark Stendal, Sascha Löschner, für die Bühne bearbeitet und auch gleich die Uraufführung inszeniert hat. Für die Geschichte des Vikars und Vogelkundlers Hillyer, der den Engel abschießt und dann pflegt, hat Christof von Büren (Bühne und Kostüme) eine schiefe Holzlandschaft ins Kleine Haus gebaut: Wände, Stühle, Tische – nichts ist lotrecht. Im Gegensatz zu den Mitmenschen des Vikars, die eine sehr genaue Vorstellung vom rechten Leben haben.

Eine „Groteske“ nennt Löschner seine Bearbeitung im Untertitel und nimmt dies für seine Inszenierung leider allzu wörtlich. Der Vikar-Ornithologe stelzt, in braunem Käfermantel und Vogelnestfrisur, durch seine kleine Welt. André Vetters schafft es trotzdem, ihm eine Empfindsamkeit mitzugeben, die eher dem Engel als seinen Mitmenschen zuneigt. Die prüde Mrs. Mendham (Angelika Hofstetter), ein giftgrüner Käfer, fällt wie ein Jojo immer wieder in Ohnmacht angesichts des nur mit Flügeln und Feigenblatt bekleideten Engels. Das Dienstmädchen Delia (Frederike Duggen) geht, im knappen Mini-Kostüm, nur seitwärts oder rollt als menschliche Putzmaschine über den Boden. Jeder Gag (Räuspern, Sprachfehler) wird so oft wiederholt, bis er keiner mehr ist und eine aufgedreht-flinke Stummfilmmusik fordert immer wieder auf, das doch bitte komisch zu finden. Der einzig Normale unter diesen Kunstfiguren ist der Engel (Jan Kittmann), der lernen muss, was Schmerz ist, wie Menschen zu sein haben und der am Ende – so der geänderte Schluss – domestiziert wird. Doch die Fragen, die H.G. Wells auch stellt – wie lebt man miteinander, wie ist Anderssein in einer konventionellen Welt möglich – gehen im zweieinhalbstündigen Vögel-Ulk leider unter.