Schauspielkritik

Nachbarschafts-Karussell

von Dieter Stoll

Sandy Lopicic: Out of Röthenbach

Premiere: 30.12.2010 (Uraufführung)
Staatstheater Nürnberg
Homepage: http://www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Sandy Lopicic

Man weiß seit dem frühen Udo Jürgens wie es zugeht im „ehrenwerten Haus“, also musste der Blick des erstmals auch inszenierenden deutschen Balkan-Musikanten Sandy Lopicic schärfer werden, um über die Stiegen des sozialen Wohnungsbaus andere Erkenntnisse zu erklimmen. Ein alleinerziehender Vater (behinderter Sohn, pubertierende Tochter) mit Ossi-Vergangenheit wohnt da neben zwei jungen Neonazis und zwei verkümmernden Frauen, die das Badezimmer für Opern-Duette missbrauchen. Im struppigen Sozio-Biotop wirbelt als neueste Nachbarin ein Türkenmädchen die deutsche Hausordnung durcheinander. Die Ausgangsposition des ganz auf Musik setzenden Nürnberger Auftragswerkes „Out of Röthenbach“ ist klar. Neben dem Willen zum „Song-Drama“ gibt es da eine große Plattensammlung und die Sehnsucht, zwischen Franz Wittenbrinks „Sekretärinnen“ und Erik Gedeons „Ewig jung“ noch ein freies Plätzchen zu finden.

Ursprünglich wollte der Leader des durchschlagskräftigen Lopicic-Orkestar „Nachhilfe für Patrioten“ geben und Folklore multikulturell aufwerten. Davon sind auf dem Nachbarschafts-Karussell der heißlaufenden Drehbühne nur noch Spurenelemente zu entdecken. Dominierend sind nun internationale Pop-Oldies, die deutsche Gegen-Kommentare aus der Nostalgie-Hitparade bekommen. Mit der Indie-Rockband Arcade Fire beginnt es, bei The Doors hört es 24 Songs später auf. Dazwischen beharrt der Bürger auf seinem Bunker („Meine vier Wände“ von Rio Reiser), wird Rammsteins „Haifisch“-Grölen im Springerstiefel-Quartier schlüssig mit Haindlings „Du Depp“ kurzgeschlossen. Was auch deshalb passt, weil die schwarzrotgoldenen Glatzköpfe ihren Bierdosen-Kühlschrank mit automatischer Nationalhymne ausgestattet haben. Es ist allerdings Haydns Kaiserquartett, vor dem sie strammstehen – und das hat seit Heinrich Lübke wohl niemand mehr getan.

Zum Kern der Geschichte wird das Mädchen aus der anderen Kultur. Julia Bartolome bricht wie ein türkischer Traum herein. Layla ist emanzipiert, traditionsbewusst, kontaktfreudig und lässt Nachbarn an der Wasserpfeife ziehen. Wenn sie sich mit jubelnder Stimme, strahlenden Augen und wehenden Tüchern auf rotierender Bühne in schmetternde Volkslieder von daheim wirft, kann der Anruf aus Bollywood nicht mehr weit sein.

Ausstatter Thurid Peine hat das Mietshaus als Mixtur aus Zirkusarena und Karussell gebaut, die fünfköpfige Band dahinter wechselt von der singenden Säge bis zur Klarinette durch mindestens 20 Instrumente. Zwar hat das Ensemble mit Elke Wollmann, Henriette Schmidt, Frank Damerius und Thomas L. Dietz einige gute Sänger, doch der für ständige Bewegung sorgende Regisseur mag nicht entscheiden, was er von denen verlangen will. So wird im gleitenden Übergang imitiert oder persifliert und manchmal reicht das Theater eine nette, abgenudelte Botschaft wie „Lass die Leute reden“ aus dem „Ärzte“-Repertoire bloß andächtig weiter. Ein flimmerndes Show-Stück, das mit Nürnbergs titelgebendem Zuwanderer-Stadtteil Röthenbach nach und nach auch die eigenen Ambitionen vergisst. Wittenbrink muss nicht zittern.