Schauspielkritik

Sie schlagen und sie lieben sich

von Volker Oesterreich

Rocko Schamoni: Dorfpunks

Premiere: 28.11.2010
Theater Heidelberg
Homepage: http://www.theaterheidelberg.de

Regie: Tomas Schweigen

Die echten Punk-Veteranen sind ja auch schon so weit, dass sie Ü50-Parties besuchen können. Bereits Anfang der 1980er Jahre ebbte die Welle ab. Genau in dieser Zeit des Übergangs spielt Rocko Schamonis 2004 veröffentlichter Roman „Dorfpunks“. Eine typische „coming of age“-Geschichte, in der die Hormone munter drauflos sprudeln, als hieße das Werk im Untertitel „Punkfrühlings Erwachen“. Der Roman sorgte für einiges Aufsehen, floppte 2008 im Hamburger Schauspielhaus, wurde 2009 von Lars Jessen verfilmt – und kann jetzt in einer neuen Spielfassung auch im Heidelberger Theaterkino begutachtet werden. Erarbeitet wurde sie vom Regisseur Tomas Schweigen gemeinsam mit dem Ensemble.

Da stehen sie nun, die sieben Teenies, wollen raus aus der miefigen Langeweile und rein ins unangepasste Abenteuer. Sie bekennen sich zu den Punk-Regeln, nach denen der Dilettantismus zelebriert werden muss, immer schön gegen den bürgerlichen Mainstream gerichtet. Auf der Bühne wird von den rotzigen, meist aber auch hilflos bemühten und deswegen komischen Ausbruchsversuchen der Dorfpunks aus dem Rückblick erzählt. Eineinhalb Jahrzehnte danach trifft sich die Clique von einst in ihrem Club „Meier’s“ wieder und erinnern sich in der Art einer „sentimental journey“ an die ach so wilde, aber im Grunde ziemlich öde Jugend. Mit Stammtisch links, Cola-Stehtischen rechts und einer kleinen Rocker-Bühne im Hintergrund hat Susanne Hiller den Dorf-Club-Chic scheußlich-schön nachempfunden. Das Ensemble tanzt darin den Pogo, man schlägt sich, man verträgt sich, die Teenies schmachten sich an, man drischt auf die Instrumente, aber zu einer stimmigen, das Publikum animierenden Form findet die Truppe nicht. Die Inszenierung holpert trotz ihrer forcierten Dynamik unbeholfen über die Bretter. Lange Erzählpassagen dienen als Kitt, obwohl kaum etwas zu kitten ist. Manches klingt wie von Wikipedia abgeschrieben. Nur kurz können Einzelne aus dem chargierenden Cliqueneinerlei ausbrechen: etwa Simon Bauer, der gleich zu Beginn den Fünfkäsehoch-Macho karikiert, oder Natalie Mukherjee, die als charmantes Temperamentsbündel punktet. In solchen Szenen funktioniert die Chose. Aber auch nur dann.