Martin Hug, Leonie M. Young, Mario Fuchs und Cathrin Störmer

Martin Hug, Leonie M. Young, Mario Fuchs und Cathrin Störmer

© Foto: Kim Culetto
Schauspielkritik

Die Leiden der Josephine

von Bettina Schulte

Reto Finger: Farinet oder das falsche Geld

Premiere: 16.09.2016 (Uraufführung)
Theater Basel
Homepage: http://www.theater-basel.ch

Regie: Nora Schlocker
Vorlage: Charles-Ferdinand Ramuz

Joseph-Samuel Farinet ist ein Held aus den Walliser Bergen, obwohl er aus dem Aosta-Tal stammt. Schon zu Lebzeiten war der immer elegant gekleidete Ganove, der die Falschmünzerei im ganz großen Stil betrieb, eine - bis heute im Unterwallis gepflegte - Legende, wozu auch sein bis heute ungeklärter Tod (Unfall oder Kopfschuss durch die Polizei) mit 35 Jahren beigetragen hat. Zum Freiheitskämpfer und Robin Hood der eigensinnigen Walliser machte ihn allerdings erst der äußerst erfolgreiche, später mit Jean-Louis Barrault verfilmte Roman „Farinet oder das falsche Geld“ des frankophonen Schweizer Schriftstellers Charles Ferdinand Ramuz von 1930. Grund genug, den Mythos Farinet  - den manche sogar in Konkurrenz zum Tell sehen - noch einmal künstlerisch zu befragen? Das Theater Basel hat es getan und den in Bern geborenen Dramatiker und Juristen Reto Finger beauftragt, Ramuz’ Roman für die Bühne zu bearbeiten.

Eine zeitgeschichtliche Aktualisierung des Stoffes ist dabei nicht herausgekommen - wie schon Jessica Rockstrohs rustikale Almhütte aus dunkel gebeizten Rundholzstämmen zeigt, die auf Stelzen etwas verloren auf der Kleinen Bühne des Basler Theaters steht. Hier - in der Beiz, wo aus Tonkrügen der Fendant ausgeschenkt wird - , drängt sich auf engstem Raum in folkloristischen Gewändern die Dorfgemeinschaft und fachsimpelt in schönstem trockenem Hochdeutsch über das andere, das gute, Hauptsache gegen Bern gerichtete Geld des Farinet, der wie bei Ramuz Maurice mit Vornamen heißt. Die kleine moralische Lektion in Währungskunde kommt wie aus dem Lehrbuch daher. Das Kapital von Aufruhr, Empörung und Revolte lässt sich aus dieser biederen landsmannschaftlichen Versammlung nicht schlagen: Der anarchische Geist des Farinet ist in Nora Schlockers kleinteiliger Inszenierung schon tot, bevor er auf die Bühne kommt.

Wie gut, dass es Cathrin Störmer gibt. Eigentlich müsste man das Stück umbenennen in „Die Leiden der Josephine“: Denn ganz offenbar hat sich Reto Finger hauptsächlich für Farinets Gefährtin, Geliebte, Verbündete und Fluchthelferin interessiert. Diese Josephine verkörpert alle Leidenschaft, alles Pathos, das Nicola Mastroberardinos Farinet völlig abgeht: Der Schauspieler sieht  mit seiner dunklen Lockenpracht zwar aus wie ein Bilderbuchheld, doch seine Ausstrahlung ist eher die eines Buchhalters. Wenn er sich am Ende anschickt, sein offenes Wildererhemd gegen die dörfliche Tracht zu tauschen, ist er eigentlich auf dem goldrichtigen Weg: Und man fragt sich vergeblich, warum er sich dann doch nicht den Behörden ergibt und nach einer sentimentalen Abschiedsrede an die Welt reglos im Lärm der Gewehrsalven steht - vermutlich, weil es so im Buche steht.

Nein, es ist allein Cathrin Störmer, die diesen Abend vor dem gemütlichen Dahindümpeln in modisch und musikalisch leicht angeschrägter - den ironischen Gestus hätte man deutlich verstärken müssen - Bergromantik rettet. Schon ihr erster Auftritt, bei dem sie Farinets Flucht aus dem Gefängnis von Sion imaginiert, hat es in sich. Und wenn ein junger Landjäger sie bis auf den Slip buchstäblich leibesvisitiert und sie dann zitternd dasteht vor Scham und wie diese Scham umschlägt in unbändige Freude, dass man nichts gefunden hat bei ihr: Das ist ein Augenblick von großer Intensität. Und wie sie dann erkennen muss, dass ihr Angebeteter sie nur benutzt hat und dabei ist, sich in eine sehr viel Jüngere zu verlieben, die Tochter des Gemeinderats (sehr wandlungsfähig: Leonie Merlin Young) und sie ihr Gesicht in Falten erdwärts zieht: Da scheint das Drama der betrogenen Frau in seiner ganzen hässlichen Gemeinheit und Trostlosigkeit auf.

Der Balser Hausregisseurin mag diese Verlagerung des Fokus von der politischen Frage nach der Freiheit des Einzelnen und ihren Grenzen zu einem Liebes- und Eifersuchtsdrama entgegengekommen sein. Der einzige Aufschrei ihrer Inszenierung gehört jedenfalls Cathrin Störmer, die  - als Zugezogene - am Ende aus dem engen Dorf vertrieben wird und ihre Einsamkeit verzweifelt auf Italienisch heraussingt. Da lebt Farinet noch - aber wer interessiert sich schon für ihn.