Ensembleszene

Ensembleszene

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Der Strudel des Unsagbaren

von Dagmar Ellen Fischer

René Pollesch: Ich kann nicht mehr

Premiere: 25.02.2017 (Uraufführung)
Deutsches Schauspielhaus, Hamburg
Homepage: http://schauspielhaus.de

Regie: René Pollesch

17 junge Frauen in olivgrünen Tarnhosen, mit roten Halstüchern und schwarzen Baskenmützen zu Revolutionärinnen-Karikaturen verkleidet, eröffnen den jüngsten Pollesch-Abend: Zackig marschieren sie über die offene Bühne des Schauspielhauses, bevor sie das Publikum magische sieben Mal anbrüllen: „Ich bin der Mann!“ Falsch, sie sind der Chor! 

Und in dieser Funktion mutieren sie chamäleongleich zu Kindern und anderen Familienmitgliedern, nicht ohne hin und wieder gegen die jeweilige Rollenzuweisung zu protestieren. In erster Linie aber ist der Chor ein verlässlicher Unterbrecher, der die vier Protagonisten bis zur Unhörbarkeit überstimmt. Die Vier indes verwechseln Ursache und Wirkung und weisen sich die Schuld am Unverständnis – oder besser, am akustischen Nicht-Verstehen des anderen – reihum gegenseitig zu. Dieses Motiv zieht sich wie ein roter Faden, den René Pollesch immer wieder aufgreift, durch die 80-minütige Inszenierung.  

Der Autor und Regisseur, der grundsätzlich auf die Kraft der Worte setzt und seinen vier Darstellern quasi spielfrei gibt, gesteht: „Das, was uns bewegt, ist unsagbar.“ Und gerade deshalb müsse er sich „an den Strudel des Unsagbaren heran reden.“ Das schaffen Bettina Stucky und Sachiko Hara vom Schauspielhaus sowie Kathrin Angerer und Daniel Zillmann als Gäste: Mit ständig wechselnden Fronten und Allianzen verstehen sie sich gründlich miss und enden im resümierenden Monolog. Nicht funktionierende Kommunikation strengt an, da bildet Angerers quäkende Stimme gezielt die Spitze des Eisbergs, und Hara hat passenderweise ohnehin mit der (deutschen) Sprache zu kämpfen.    

Von einer Operninszenierung ist zu Beginn die Rede, die Hitler und Mussolini besucht hätten; beide Diktatoren wären aber offenbar unberührt aus der Oper gegangen und hätten ihre Politik entsprechend weiter verfolgt, und „dann hat es trotzdem Krieg gegeben“. Der zynische Kommentar auf diese naive Feststellung: „Was Hitler und Mussolini dann gemacht haben, war viel rührender.“

Und so nimmt der Diskurs abendfüllend seinen Lauf, bruchlos wechselt Weltbewegendes mit banalster Absonderung, konsequent stolpert politisch Relevantes über Privates bis Peinliches. Komik erzeugt das vom Chor martialisch skandierte „Karl Marx. Che Guevara. Lenin. Mao Tse Tung“, sobald dem ein Satz folgt wie „einmal habe ich an mich gedacht, dann kommst du gleich mit der Revolutionsoper“. Womit der Abend beim universalen Beziehungsthema angekommen ist und sich Erfahrungen vom Nicht-Kommunizieren potenzieren: von der Unmöglichkeit, beim morgendlichen Zähne-Putzen eine Unterhaltung zu führen bis zum Sprechen, ohne für ein Gespräch sorgen zu müssen, als Prinzip. 

Drei bühnenraumhohe Küken auf Rollen – zwei rote und ein grünes – machen den Auftritt einer Schauspielerin gleich viel spektakulärer, nach deren eigener Aussage. Später dirigieren Chormitglieder mit revolutionsroten Fähnchen diese riesigen Tiere wie Fluglotsen auf bestimmten Bahnen. 

Kate Bushs Song „Wuthering Heights“ und Filmmusik aus dem „Fluch der Karibik“ werden ungewollt zu emotionalen Pausenfüllern. „Drama oder nicht Drama, das ist hier die Frage“, sinniert Bettina Stucky gegen Ende. Die aber hat René Pollesch mit seinen Stücken längst beantwortet.