Szene aus der neuen Pollesch-UA in Stuttgart: "Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?"

Szene aus der neuen Pollesch-UA in Stuttgart: "Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?"

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Keine Fußballphilosophie

von Manfred Jahnke

René Pollesch: Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?

Premiere: 27.10.2017 (Uraufführung)
Stuttgart, Staatstheater Stuttgart
Homepage: https://www.schauspiel-stuttgart.de

Regie: René Pollesch

Was für ein toller Titel: „Was hält uns zusammen wie ein Ball die Spieler einer Fußballmannschaft?“ René Pollesch ein heimlicher Fußballfan? Aber dann war vorab von ihm ein von Theatermachern ungewohnter Satz zu lesen: „Mich interessiert Fußball überhaupt nicht.“ In der Tat setzt auch dieses Stück die philosophischen Diskurse des Autors fort. Ausgangspunkt sind die Einsichten des französischen Soziologen Bruno Latour, dass es die Gegenstände sind, die eine Handlung in Gang halten. Wenn schon dieser Ansatz genügend Anlass für eine selbstreferentielle Beschäftigung mit dem Medium Theater bietet, so weitet sich dieses Feld mit den Perspektivwechseln zwischen „Außen“ und „Innen“. Pollesch geht dabei in seinen Forschungen weit zurück in das Jahr 1968, als die Kosmonauten der Apollo-8-Mission ein Foto von der Erde machten, auf dem die ganze Welt zu sehen ist – außer den Dreien, die das Foto machten – und seitdem beschäftigen sich die Menschen nur noch mit dem „Innen“, so lautet eine der Thesen dieser Inszenierung. Und bezieht sich dabei auch auf „Kalifornien und das Verschwinden des Außen“ des großen Poptheoretiker Diedrich Diederichsen.

Geschickt verbindet Pollesch Kalifornien mit seinen berüchtigten Wissenschaftsorten, Hippiebewegung und Trump-Anspielungen mit der Nacherzählung des Louis Malle-Films „Mein Essen mit André“ (1981), womit auch Grotowski ins Spiel kommt. Auch, wenn eine reine Assoziationsdramaturgie entwickelt wird, so stehen dennoch die Dinge und Gedanken in engen Bezug zueinander. Sicher sind dabei Astrid Meyerfeldt, Julischka Eichel, Abak Safaei-Rad, Christian Czeremnych und Christian Schneeweiß (in den Kostümen von Svenja Gassen) nicht in Anspielung auf ein berühmtes Stück der sechziger Jahre „die Schauspieltruppe der Psychiatrie von Palo Alto unter Anleitung von Mrs. Grace Slick“. Oder doch? Grace Slick, u.a. Sängerin von Jefferson Airplane, gehörte übrigens zu den Rockikonen der 60er Jahre, die mit LSD und Drogen experimentierte.

Auf der von Janina Audick geschaffenen Bühne, die in den Zuschauerraum spitz hineinragt, nach hinten abgeschlossen durch eine Jalousie, die, wenn sie hochgezogen wird, eine Hollywoodfigur und eine Art Turm zeigt, der sowohl auf Erdölfeldern stehen, aber auch eine Abschussrampe sein könnte. Wichtigste Spielrequisiten sind dabei ein verschiebbares Gestell, dass von weither an ein Kirchenraum erinnert und eine riesige rote Zunge, die umständlich von oben durch ein Loch im Plafond herunter- und heraufgelassen wird. Aber sie ermöglicht ein temporeiches Spiel der Worte, einen unterhaltsamen Schlagabtausch der Pointen. Allerdings hat eine solche diskursive Assoziationsdramaturgie den Nachteil: Es mangelt an dramatischer Energie, was immer wieder auf der Bühne reflektiert wird. Darüber hinaus wird die Aufführung von einem sprachlichen Manierismus geprägt: Sollen Sätze betont werden, werden sie heraus geschrien, so dass ein hysterischer Eindruck entsteht, besonders im Spiel von Astrid Meyerfeldt.

Mit einem geschickten Eingriff gelingt es Pollesch die eigentlich statische Dramaturgie zu dynamisieren. Er setzt einen 17-köpfigen Chor junger Frauen ein, bestehend vorwiegend aus Studenten der Hochschule für Musik und darstellende Kunst und Mitgliedern freier Stuttgarter Truppen, der unter der Leitung von Christine Groß zur perfekten Sprechmaschine wird. Mit Tanzchoreografien (Nasra Mohamed-Ali) u.a. zu „Do it again“ von den Beach Boys sowie in ausgeklügelten Bewegungsabläufen wird der Chor zu einem Partner der fünf SchauspielerInnen, nicht als Kommentator der Handlungen, sondern als „Rolle“.  Auch, wenn der Chor dabei den gleichen Sprechmanierismen dienen muss, bringt er Frische und Bewegung in diese Pollesch-Welt. Ein überaus unterhaltsamer Theaterabend, der nicht weh tut.