Bleibt es uns erhalten? Das Logo der Volksbühne.

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Schauspielkritik

Keine Servicekultur

von Bettina Weber

René Pollesch: Service / No Service

Premiere: 03.12.2015 (Uraufführung)
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Homepage: http://www.volksbuehne-berlin.de

Regie: René Pollesch

Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal über sich selbst gelacht? Sie erinnern sich nicht? Dann wird es aber mal wieder Zeit. Schmunzeln reicht. Sich einfach mal nicht so ernst nehmen. Die Selbstironie, die René Pollesch in seinem neuen Stück „Service/No Service“ an den Tag legt, lädt jedenfalls dazu ein.

Die Ton ist zugleich anprangernd. Dieser Theaterbetrieb zwischen „Elektra“ und „Romeo und Julia“, was kann der schon? Zum Einstieg zeigt ein zappeliger, dringlicher Maximilian Brauer („M“) den Suizid einer Aspirintablette vor den Augen einer Gruppe M&M-Schokoladendrops, und Kathrin Angerer („K“) erzählt anschließend gleichmütig, wie Gott die Welt erschuf. Wie die beiden Schauspieler auch für den Rest des Abends zielsicher durch Polleschs Sprachkaskaden steuern, ist übrigens bemerkenswert, erzeugt fast dauerhaft Strom. Das Regisseurs-Ich – falls es bei Pollesch überhaupt möglich ist, von einer Figur zu reden – ist ein unsympathisches Wir: Ein uniformer 16-Mann-Chor; jung, motzend, synchron die Darsteller beleidigend („Sie dämlicher Trampel“). Immer diese konformen Nachwuchsregisseure. Irgendwo dazwischen agieren „F“ bzw. Franz Beil (wenig Text, leider auch wenig physische Präsenz) und „D“ alias Daniel Zillmann (markig, aber mutmaßlich wegen einer Verletzung körperlich eingeschränkt) als weitere Beteiligte einer fiktiven Theaterproduktion.

Es ist die Frage des Abends, wie heute eigentlich eine Inszenierung entsteht. Als Dienstleistung? Nicht bei Pollesch natürlich. Und nicht an der Volksbühne, weshalb der Zuschauerraum an diesem Abend eine sprichwörtliche Servicewüste ist: Die Sitzmöglichkeiten (zuletzt: schwarze Sitzsäcke) fehlen, stattdessen nackter Asphalt. „No Service“ prangt in großen Lettern über der ansonsten weitgehend nackten Bühne. Allein dadurch ist der Raum so zwingend, dass man natürlich sofort an Bert Neumann denkt. Der steht auf dem Besetzungszettel unter „Bühne und Kostüme“, als wäre er gar nicht fort. Welche der Ideen für dieses Stück er noch vor seinem Tod fixieren konnte, bleibt offen. Die signalstarken und an ihn erinnernden Chor-Kostüme („Don’t Look Back“-Pullover) schuf jedenfalls Ulrike Köhler, und natürlich schauen dann hier alle doch zurück.

Im Text pickst zwischen dem Wortwitz erwartungsgemäß die Postdramatik, die ein Pollesch-Abend verspricht: die Nutzlossprechung des Repräsentationstheaters, die Deklamation des vom Weltgeist abgekoppelten Ichs und einer zum Service verkommenen Kunst. René Pollesch schmunzelt eben nicht nur, er erträgt eher mit Humor die Sinnlosigkeit des Daseins: „Wenn man ins Kino geht und der Mann, der einem die Karte verkauft, weiß nicht, was für ein Film läuft, dann kann man zufrieden sterben“, konstatiert K in ihrem kompakten Schlussmonolog. Aber lässt sich dieses Bild wirklich aufs Theater übertragen? Andererseits: Wie oft hat man als Kritiker schon im Theater gesessen und sich über den Kunsthandel auf der Bühne geärgert. Die Schrecken des angepassten, harmlosen, klebrig schönen Theaters haben wohl auch René Pollesch beschäftigt. Sich von ihnen abgrenzen zu wollen gehört natürlich auch zum „No Service“-Abschieds-Spielzeitprogramm der Volksbühne, wo in gut einem Jahr die Castorf-Ägide endet. Anlass für Pollesch, an den Beginn des Diskurses über Schönheit im antiken Griechenland zu erinnern. „Und nun wurde bei Ausgrabungen, im Zuge der Umbauten der Volksbühne zu einem Cluster, unter dem Asphalt [eine] Adonisstatur gefunden“, sagt K, und in den Worten funkelt herrlich die Selbstironie. Die Volksbühne ist alt geworden, sie hat Falten bekommen, schöne natürlich: Man blicke auf die schwarz-schillernden, vibrierenden Metallfäden in Bühnen- und Zuschauerraum. War früher mehr Lametta?

Zugegeben, dieser neue Pollesch-Abend klopft sich und der Kultstätte Volksbühne auch ein wenig auf die eigene Revoluzzer-Schulter. Für echte Nostalgie aber ist kein Platz, und das ist auch gut so. Eher für Pessimismus, eine spielerische Beschwörung des Dunkels, das noch eine No-Service-Kunst hervorzubringen vermag. Wenn aus jenem Dunkel Abende wie diese entstehen, dann stimmt die Schwarzseherei alles andere als ratlos.