An dem Münchner Kammerspielen: "Warum läuft Herr R. Amok?"

An dem Münchner Kammerspielen: "Warum läuft Herr R. Amok?"

v.l.n.r. ÇigdemTeke, Christian Löber, Walter Hess

© Foto: JU/Ostkreuz
Schauspielkritik

Formstrenge

von Anne Fritsch

Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler: Warum läuft Herr R. Amok?

Premiere: 27.11.2014
Münchner Kammerspiele, München
Homepage: www.muenchner-kammerspiele.de

Regie: Susanne Kennedy

Herr R. läuft Amok. Mit einem Kerzenständer erschlägt er erst die Nachbarin, die partout nicht aufhören will, von ihren Skiurlauben, von feschen Skilehrern und den Mühen mit dem Stemmbogen zu schwadronieren. Dann seine Frau und seinen Sohn Amadeus. Warum? Nur weil er mit Winterurlauben nichts am Hut hat? Das kann‘s nicht sein. Rainer Werner Fassbinder und Michael Fengler gehen dieser Frage in ihrem Film „Warum läuft Herr R. Amok?“ aus dem Jahr 1970 nach. Eine Antwort hat der Film, aus dem Fassbinder sich übrigens nach wenigen Drehtagen zurückzog, nicht zu bieten. Nur viele.

Eine improvisiert wirkende Szene reiht sich an die nächste. Man sieht das Leben des Herrn R. Wie er sich mit seinen Kollegen müde Witze erzählt von dem Elefant, der die Maus fragt, warum sie so klein sei. „Ich war drei Wochen krank“, sagt diese. Oder von dem Mann, der seine Frau umbringt, und, als ihr die Augen hervorquellen, kommentiert: „Gell, Frau, da schaust!“ Man sieht den drögen Alltag im Büro, wo Herr R. als technischer Zeichner arbeitet. Man sieht ihn beim Spaziergang mit den Schwiegereltern; in der Sprechstunde bei der Lehrerin; im Auto mit seiner Frau; auf der Weihnachtsfeier, wo er das Betriebsklima in einer kleinen Ansprache lobt, um dann von seiner Frau zu hören: „In allem, außer zu Hause, da bist du schweigsam wie ein Fisch. Und wenn du dann plötzlich Platz hast, dann redest du, und was für einen Stuss.“ Herr R. nimmt alles hin. Steht in seinem Leben meist nur dabei, als hätte es mit ihm nicht viel zu tun. Entfremdung nennt man das wohl, wenn alle natürlichen Beziehungen sich aufgelöst haben. Der Monolog über den Stemmbogen ist also gewissermaßen nur der Tropfen zu viel, der Moment, in dem Herr R. beschließt, dass das alles doch keinen Sinn macht.

Szene an Szene reiht sich im Film übergangslos aneinander. Ausschnitte eines Lebens, scheinbar willkürlich gewählt. Eine der stärksten Szenen ist die, in der Herr R. eine Platte kaufen will. Er kennt weder Titel noch Interpret, weiß nur, dass es davon handelt, „dass man nicht mehr lügen soll und so“ und „dass der Refrain sehr oft wiederholt wird“. Man sieht in den Blicken der Verkäuferinnen, was sie von diesem merkwürdigen Kunden halten, leidet mit. Wobei mitleiden eigentlich nicht stimmt: Herr R. bemerkt die hämischen Blicke der Verkäuferinnen nicht. Darum gibt er nicht auf. Am Ende findet die Verkäuferin tatsächlich die Platte, ein kleiner Erfolg. Der einzige vielleicht. Diese Szene stellt die Regisseurin Susanne Kennedy, die den Film nun auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht hat, ins Zentrum. Der Abend beginnt mit dem Betreten des Plattenladens, immer wieder findet sich Herr R. hier, sucht in Momenten, da er alleine ist, nach der Melodie „Di da da...“.

Kennedy packt den improvisierten Film in eine formal strenge Form. In dem holzvertäfelten Kellerraum, den Lena Newton entworfen hat und der wie der Vorraum einer Sauna  oder der Hölle  wirkt, agieren die fünf Schauspieler wie Marionetten. Sie sind verdammt, ewig in diesem nichtssagenden Leben zu schmoren, ein Fegefeuer ohne Aussicht auf Erlösung. Sie tragen Masken, die ihren Gesichtern jeglichen Ausdruck rauben, bewegen ihre Lippen synchron zu den Texten, die über Lautsprecher eingespielt werden, und wirken in all ihrem Tun verlangsamt und ein wenig steif. Unnatürlich. Berührungen gibt es am ganzen Abend keine. Emotionen auch nicht. Die Figuren, bei Fassbinder und Fengler Prototypen der Mittelschicht, sind hier völlig austauschbar geworden, jeder Persönlichkeit beraubt. Die Schauspieler Walter Hess, Christian Löber, Anna Maria Sturm, Edmund Telgenkämper und Çigdem Teke wechseln von Szene zu Szene die Rollen. Zwischen den Szenen wird eine Leinwand vor dem Kellerloch heruntergelassen, auf ihr sieht man Filmaufnahmen des Raums mit wechselnden Requisiten. Dann und wann tauchen Menschen, echte Menschen, in diesen Zwischenfilmen auf, gießen die Zimmerpflanze, tragen einen Stuhl herein, putzen eine Engelsstatue. Eine Computerstimme teilt mit, wo die nächste Szene spielt: Im Büro. Im Wohnzimmer. In der Lehrersprechstunde.

Kennedy übernimmt die Texte, die die Filmschauspieler teilweise improvisiert haben, exakt und überführt sie in eine künstliche Theatersprache, durch exakte Intonation jeder Spontaneität beraubt. Der enorme Wille zur Form, der der Regisseurin eigen ist, verlangt dem Zuschauer einiges ab. Aber: Er treibt die Vorlage auf die Spitze, filtriert die Essenz aus dem Film heraus. Am Schluss, als Herr R. dem nie enden wollenden Kreislauf der Nichtigkeiten ein brutales Ende gesetzt hat, übernehmen die Laienschauspieler aus den Filmsequenzen das Bühnengeschehen, spielen die letzte Szene, in der die Polizei ins Büro kommt. Eine Frau tanzt befreit über die Bühne. Zu dem Lied, das Herr R. gesucht hat. Von Eric Clapton ist es. „Let it grow. Let it blossom. Let it flow.“ Zurück zur Natur.