Inszenierungsfotos nur zur Vorberichterstattung frei

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Schauspielkritik

Ambitionierter Hybrid

von Elena Philipp

Philipp Löhle: Jede Stadt braucht ihre Helden

Premiere: 20.05.2015 (Uraufführung)
Deutsches Theater Berlin
Homepage: https://www.deutschestheater.de/

Regie: Daniela Löffner

Die idealen Nachrichten? Berlin: alles in Ordnung, Moskau: alles kein Problem, Bagdad: alles im Griff. Und das Wetter bestens. So erträumt sich Alma eine Welt ohne Gewalt und schlechte Neuigkeiten. Alma ist Angestellte einer Sicherheitsfirma und eine von fünf Figuren in Philipp Löhles „Jede Stadt braucht ihren Helden“. Ihr Chef Jörg und ihr Kollege Daniel bauen Sicherheitsschlösser ein, die sie anschließend mehr als dilettantisch wieder knacken: Der Safe beim überfallenen Juwelier ist leer, aber der Wachhund bissig; als Daniel sich aus seiner Wohnung aussperrt, tritt Jörg kurzerhand die Tür ein, mit alberner Pose wie Ronaldo vor einem Freistoß; und Daniel geht seiner anscheinend naiven Nachbarin (Wiebke Mollenhauer) auf den Leim, die dem Gauner-Pärchen als Undercover-Polizistin auf der Spur ist. Philipp Löhles Auftragsarbeit fürs Deutsche Theater Berlin, deren Uraufführung krankheitsbedingt verschoben wurde, ging am Mittwoch in der Regie von Daniela Löffner über die Bühne der kleinen DT-Box. Das Genre? Ein ambitionierter Hybrid aus gesellschaftskritischem Plädoyer und Kleinkriminellenkomödie mit Actionanteilen.

Regisseurin Daniela Löffner und das spielfreudige Ensemble holen eine Menge heraus aus diesem Text über "Sicherheit, Freiheit und Angst", wie es im Programmheft heißt. Alma (zwischen zerrüttetem Mauerblümchen und energiestrotzend-bewunderndem Heldenliebchen: Lisa Hrdina) ist am Ende mit ihren Nerven, nachdem sie aus dem Aktenschrank im Büro hilflos mit angehört hat, wie ihr als Einbrecher versagender Chef Jörg (mal jovialer Mittelständler, mal bedrohlicher Basecap-Proll: Christoph Franken) von einem ranghöheren Gangster gefoltert wird. Eric Wehlan als gegelter Anzugträger quetscht Christoph Franken die dick verbundenen Finger, bis das Blut durch den Verband suppt. Alma wird panisch, fühlt Ameisen wimmeln, Feuer brennen – und dann produziert ihr gemartertes Hirn die rettende Übersprungsphantasie: Daniel (Normalo-Schluffi mit Glamourpotential: Timo Weisschnur) tritt herein und verwandelt sich in „Veto“, eine Figur zwischen verbrechensbekämpfendem Vigilanten und stahlhartem Superheld. In Wirklichkeit duckt er sich feige weg, statt seinem Chef zur Hilfe zu kommen. In Almas Vorstellung aber – träumerisch in blaues Licht getaucht – reißt er sich das T-Shirt vom wohlgeformten Leib, ein glitzernd getaptes „V“ auf seiner Brust. Den schmächtigen Folterer bringt er mit einem Griff zur Strecke und schüttelt ihn per Superfernwirkung ordentlich durch – Weisschnur wackelt mit der Hand und der einen Meter entfernt stehende Wehlan zuckt wie von Stromschlägen gebeutelt, was beim wohlgelaunten Publikum gut ankommt.

Veto ist eine Projektion, übersteigerter Wunsch und Abspaltung eines überforderten Bewusstseins. Almas Umdeutungswille erweist sich als umfassend: Im Geiste eliminiert sie jegliches Böse. Erzählten die Schauspieler anfangs in minimalistischen Sprach-Hör-Stücken von Alltagsgewalt und Kriminalität – zwei Maskierte überfallen eine Kassiererin, „pffff“ zischt ein Spieler das Pfefferspray; ein langjähriger Hartz IV-ler ersticht seine Sachbearbeiterin, Franken schleckt schmatzend seine Finger als dringe ein Messer in Fleisch – so findet Alma für jede dieser vielleicht wahren Geschichten mit ihrem neuen Lover ein Happy End. Veto kriegt sie alle, und Alma kriegt 'nen Kuss.

Hinter diesem Lacherkracher, für den Philipp Löhle denkbar dankbare Dialoge getextet hat, steckt ein wohl ernsthaftes sozialkritisches Anliegen. Löhle hat sich bei den "Real-Life-Superheroes" umgetan, Bürgern, die in Superheldenkostümen auf den Straßen ihrer Stadt patroullieren und für Sicherheit sorgen wollen. Eine Laienbewegung, die insbesondere in den USA für Presse sorgt. Und er hat Joachim Bauers Buch zu Aggression gelesen: Aggressionen seien eine Form von Kommunikation, mit der Ausgegrenzte, Unterprivilegierte auf ihre unerträgliche soziale Situation reagierten; Gewalt sei somit gesellschaftlich bedingt. Die Würde des Menschen? Jederzeit antastbar, sagt die Figur des Daniel im Stück und plädiert als Autor-Alter-Ego dafür, Bedingungen zu schaffen, in denen sich die in jedem Menschen steckende Würde "erfüllen" könne. Textlich ist das eine riskante Kontraststrategie: Die Brisanz von gut gemeinter Gesellschaftskritik und die Rasanz einer gut geölten Komödie wollen sich hier nicht recht zu einem Dritten fügen. So ist "Jede Stadt braucht ihren Helden" unterhaltsam, gut gemacht, aber letztlich etwas unentschieden.