Szene mit Tiana Kruškic, Johanna von Gutzeit, Katrin Steinke Quintana, Hevi Yusef, Jürgen Kaczmarek und Jasmin Kruškic

Szene mit Tiana Kruškic, Johanna von Gutzeit, Katrin Steinke Quintana, Hevi Yusef, Jürgen Kaczmarek und Jasmin Kruškic

© Foto: Benjamin Westhoff
Schauspielkritik

Flüchtlingsmonologe

von Andreas Berger

Peter Schanz: Fluchtpunkt Celle

Premiere: 18.03.2016 (Uraufführung)
Schlosstheater Celle
Homepage: http://schlosstheater-celle.de

Regie: Peter Schanz

Flüchtlingsmonologe. Man hört sie jetzt allerorten in der deutschen Theaterlandschaft. Das empathische wie diskursive Flüchtlingsdrama mit gespielten Erlebnissen und Situationen hat noch keiner geschrieben. Das macht auch Peter Schanz nicht, der für sein Stück „Fluchtpunkt Celle“ am Schlosstheater Celle Migranten verschiedener Generationen interviewt hat. Von den Vertriebenen aus dem ehemaligen deutschen Osten über die türkischen, eigentlich kurdischen, inzwischen als jesidisch erkannten Verfolgten der Jahrtausendwende bis zu den per Schleuser und Schlepper eingewanderten Kriegsflüchtlingen aus Syrien und dem Irak. Sie sind Basis der Monologe und Spielszenen von Schanz‘ sehr stimmungsvoller und erstaunlich meinungsvielfältiger Collage. Das hebt seine Vorlage wohltuend von den einseitigen Lamenti anderer „Stückentwicklungen“ ab. 

Wie sich die Monologe der Betroffenen über die Jahrzehnte gleichen! Die gleiche ausweglose Situation in den Herkunftsländern: zusammengebrochene Zivilisation, kein Wasser, kein Strom, keine Nahrung, willkürliche Übergriffe der jeweils neuen Machthaber von Vergewaltigung bis Mord. Der gleiche traumatische Fluchthergang: erpresst, erniedrigt, bestohlen, um das blanke Leben zu retten, unter menschenunwürdigen Umständen in unzulänglichen Verkehrsmitteln, eingepfercht zwischen Sterbenden und Toten. Die gleiche ablehnende Stimmung im Aufnahmeland: behandelt als Fremde, die den eigenen Wohlstand und die tradierte Gemeinschaft bedrohen, und verdächtigt als Schmarotzer. Das traf den pommerschen Gutsbesitzer wie heute die syrische Lehrerin aus Aleppo. Nicht verschwiegen wird aber auch: Es gibt Menschen in Deutschland, die sich für die Integration der Flüchtlinge engagieren, es gibt gut organisierte staatliche Programme, und es gibt die ausgesprochene Dankbarkeit der Migranten für die Leistungen des Gastlandes. Der Kurdin für die Schwimmkurse des Landkreises Celle, die sie aus dem Familienalltag holen. Der Jesidin, die ihre Kinder zu Demokraten erzieht, Sohn und Tochter gleich behandelt, damit das alte Paschatum ihres Kulturkreises endet. Und die größten Celler Baufirmen und Dienstleister sind in jesidischer Hand. Fleißig seien sie, betonen denn auch die beiden Celler Arbeiter beim Feierabendbier. Dann wieder gibt es Zwischenrufe aus dem Internet, der Verdacht, Flüchtlinge brächten sich selbst Narben bei, um die Aussagen für ihren Asylantrag zu belegen. Das entlarvt sich in direkter Konfrontation mit den Fluchtgeschichten selbst als zynisch. Aber wenn das perfekt Deutsch sprechende jesidische Mädchen der zweiten Generation die kapitalistischen Interessen offenlegt, die eine gleichberechtigte Entwicklung der kriegszerrütteten Staaten des Nahen Ostens behindern, ahnt man auch, wie lange es noch bis zu einer positiven Wende dort brauchen wird.

Es ist diese Stimmenvielfalt, die das Stück auszeichnet. Mit den deutschen Schauspielern des Celler Ensembles und einer Band aus Migranten schafft Schanz als Regisseur darüber hinaus jenen Wechsel an Rhythmus und Stimmungen, der auch mal lachen oder in den traurigen Versen syrischer Lieder von Hevi Yusef oder bosnischen Souls von Tiana Kruskic schwelgen lässt. Im Lachen und im Trauern kommt man sich womöglich immer am nächsten. In Caroline Schwarz‘ Bühnenbild aus Kofferbergen schlüpfen die Schauspieler für die Monologe und Szenen mittels weniger Requisiten wie (pommerschen) Schürzen oder (syrischer) Strickmützen in wechselnde Rollen, nehmen mal arabischen, mal ostpreußischen, mal sächsischen Akzent an. Katrin Steinke Quintana, Johanna von Gutzeit, Jürgen Kaczmarek, Maurizio Micksch, Johann Schibli und Rasmus Max Wirth  gelingt das gut und vielfach zu Herzen gehend. Besonders wenn sich alle mit verschiedenen Instrumenten zu jener bunten vielstimmigen Band vereinigen, als die man sich eine Gesellschaft so gern vorstellen möchte (musikalische Leitung: Billy Ray Schlag). Der Applaus war entsprechend herzlich, langanhaltend und mit Bravos durchsetzt.

Und warum durfte sich der Autor und Regisseur dazu nicht zeigen? Nur wer im Presseverteiler des Schlosstheaters steht, erfuhr, dass Peter Schanz zwei Tage vor der Uraufführung „wegen künstlerischer Differenzen von seiner Regieaufgabe entbunden“ worden war. Als Grund wird angegeben „eine Auseinandersetzung über die Frage, wie und mit welcher Erkennbarkeit das Ensemble und die Beteiligten Musiker mit Fluchterfahrung … künstlerisch einbezogen werden“. Vergleicht man die gespielte Fassung mit der Druckfassung wird vor allem deutlich, dass sich vor den ersten Dialogen einige Schauspieler mit ihrem Privatnamen als Schauspieler vorstellen, die den Text eines Flüchtlings aufsagen, wörtlich: „dieser Mensch sagt“. Es ist genau dieser umständliche Beginn, der den Start des Stückes gelähmt hat, aber dann glücklicherweise überspielt werden konnte. 

Diese Eingriffe sind doppelt ärgerlich, weil die Celler Dramaturgen offenbar ihren Zuschauern nicht zutrauen, die Bühnenwirklichkeit momentweisen Übernehmens von Identitäten zu durchschauen, wie sie ja der ständige Rollenwechsel unterstreicht, und zudem gerade die Atmosphäre changierender Identitäten von echten und gespielten Flüchtlingen in wechselnden Rollen u.a. als Musiker gestört wird. Glücklicherweise sind Stück und Ensembleleistung am Ende stärker als die Verbohrtheit der Theaterleitung. Den Autor und Regisseur aber bringt das Haus um den verdienten Applaus für seine Arbeit. Fairness und Menschlichkeit, von denen Theater so gern reden, sieht anders aus.