Szene mit Corinna Beilharz, Manuel Boecker, Markus Campana, Regina Speiseder, Nick-Robin Dietrich und Lucca Züchner

Szene mit Corinna Beilharz, Manuel Boecker, Markus Campana, Regina Speiseder, Nick-Robin Dietrich und Lucca Züchner

© Foto: Günter Mattei
Schauspielkritik

Shakespeare und Popmusik gesampelt

von Manfred Jahnke

Peer Boysen: Liebeslichterloh

Premiere: 09.01.2016
SchauBurg, München
Homepage: http://www.schauburg.net

Regie: Peer Boysen
Vorlage: William Shakespeare: Romeo und Julia

17 Songs zählt die Playlist zu „Liebeslichterloh“ auf, aber eigentlich sind es 18, jedoch gehört „Es waren zwei Königskinder“ nicht in das Genre der großen Popsongs. Gleichwohl bildet dieses Volkslied sozusagen den leitmotivischen Auftakt zu jener Liebesgeschichte, die jeder kennt: Romeo und Julia. In seiner „Liebescollage“ erzählt Peer Boysen deren Geschichte aus der Perspektive einer Rückblende. In der Gruft hat Romeo sein Giftfläschchen schon leergetrunken, Julia ist von ihrem Schlaftrank erwacht, ein letzter Blick, aber was erzählt dieser letzte Blick? Schnell greifen die Darsteller in ihren glitzernden Renaissance-Kostümen zum Mikro und bringen Songs von Celine Dion oder Christina Aguilera zu Gehör. Und das machen die SchauBurgler toll, schöne Stimmen und stimmige musikalische Arrgangements, die Toni Matheis zum Sound Design von Greulix Schrank einstudiert hat (Songauswahl: Sabrina Khalil). Allein schon die Stimme von Regina Speiseder als Julia erreicht in den Höhen Kate-Bush-Qualitäten.

Musikalisch betrachtet erscheint „Liebeslichterloh“ auf höchstem Pop-Niveau. Nur lässt es die glitzerende Fassade einer Nummernrevue und das distanzierende Moment eines Mikrofons überhaupt zu, dass Liebe lichterloh entflammt werden kann? Das Problem ist nicht, dass die Geschichte von „Romeo und Julia“ in fragmentarisierter Form erzählt wird, sondern dass die Inszenierung von Peer Boysen ohne Fallhöhe bleibt und die angestrebte Auslotung von Liebe und Tod, wie zumindest die Ausgangssituation andeutet, ohne emotionale Tiefe. Auch, wenn Shakespeare auf der Folie „Coolness“ gelesen wird, „Musik und Liebe untrennbar zum Lebensgefühl von Jugendlichen gehören“ (Pressetext), ist ein „Shit“, mit dem Julia am Schluss die verfahrene Situation kommentiert, bloß eine Pointe.

Aber nicht nur werden gegenwärtiges Pop-Feeling und Shakespeare gesampelt, sondern auch die Bildsprache dieser Inszenierung ist collagiert. Die Bühne wird dominiert von einem dreiteiligen Treppengerüst wie auf einer Baustelle. Viele Auftritte kommen aus dem Schnürboden, unsichtbare Auftritte im Schnürboden oder in der Technik werden per Video auf eine große Leinwand übertragen, die die Bühne nach hinten abschließt. Der Hauptspielort für die beiden Hauptakteure (neben Speiseder Markus Campana als Romeo)ist ein im Bühnenboden eingelassener Spielraum, in der Mitte dominiert von einem hohen weißen Podest (die Gruft). Ein Geländer umgibt diesen Spielraum, den die Spieler immer wieder umkreisen, mal rennend, mal sich wie auf einer Spieluhr bewegend. Der Widerspruch zwischen glitzerndem Kostüm im Renaissance-Stil und Mikrofon dupliziert sich in der Technizität des Raums, der nichts Anderes als seine Funktionalität ausstellt. Kalte Funktionalität als Ausdruck gegenwärtiger Befindlichkeit, die denn paradoxerweise lichterloh lodernde Liebe vorführen soll? Peer Boysen liebt Paradoxien, die sich zu wuchtigen Fragen im Raum entwickeln und manchmal erschlagend wirken.

Ein gutgemachter Popsongabend hat schon etwas für sich. Wie Regina Speiseder, Markus Campana, Corinna Beilharz, Lucca Zürcher oder Nick-Robin Dietrich beispielsweise „Hallelujah“ von Leonard Cohen im Chor a capella vortragen, ist so hinreißend arrangiert, dass sich der Abend lohnt.