(unten vlnr) Peter Lohmeyer, Werner Rehm, (oben vlnr) Nicolas Lehni, Anke Engelke (in der Produktion als Hologramm zu sehen) und Johanna Griebel

(unten vlnr) Peter Lohmeyer, Werner Rehm, (oben vlnr) Nicolas Lehni, Anke Engelke (in der Produktion als Hologramm zu sehen) und Johanna Griebel

© Foto: Ingo Schneider
Schauspielkritik

Solo mit 3D-Holographien

von Hartmut Krug

John Osborne: Der Entertainer

Premiere: 09.03.2018
Theater am Kurfürstendamm, Berlin
Homepage: https://www.komoedie-berlin.de

Regie: Fabian Gerhardt

Die Komödie und das Theater am Kurfürstendamm, für deren Erhalt die Berliner Politik nur mit Ungeschick und Halbherzigkeit gekämpft hat, müssen im Sommer endgültig den Neubauten von Investoren und einem Casino weichen. Seit fünf Jahren hat die santinis-Theaterproduktionsfirma die beiden Bühnen immer wieder für eigene Projekte angemietet. So nennen die santinis ihre letzten Inszenierungen bis zum Mai ein „Abrissfestival“. Zugleich aber zeigte Theaterleiter Martin Wölffer am 4.März mit seiner Inszenierung von  Stefan Vögels „Die Niere“ in der Komödie, wofür seine Boulevardbühnen standen und stehen können. Zu sehen ist ein pointenreiches Beziehungs-Problem-Stück mit Ping-Pong-Dialogen: Nicht Welttheater, aber intelligentes Großstadttheater mit souveränen Schauspielern.

Während die santinis sich an einer stark bearbeiteten und gekürzten Fassung von John Osbornes „Der Entertainer“ versuchen. Das 1957 mit Laurence 0livier in London uraufgeführte Stück scheint auf den ersten Blick gut zu passen zur Beschreibung der Situation der Kudammbühnen. Auch hier geht wie bei Osborne scheinbar eine kulturelle Ära zu Ende. Und so kommt Peter Lohmeyer als der heruntergekommene Archie Rice aus dem Dunkel der weit offenen, leeren Bühne und wanzt sich sofort ans Publikum heran. Das Mikrofon oder die Bierflasche in der Hand, erzählt der Säufer alte Stammtischwitze und verkleinert das Stück, das nicht nur vom Untergang einer Music-Hall-Tradition, sondern auch von einer Krise der Weltmacht England handelt, bis in die Unkenntlichkeit. Lohmeyer ist meist als Solist allein. Dabei gelingt es ihm nicht, auf der Bühne eine Spannung aufzubauen oder über den Bühnenrand nach hinten in die Leere des Raumes zu spielen. Das wirkt alles sehr behäbig und monoton.

Immerhin singt Lohmeyer durchaus ordentlich – abendfüllend aber ist auch das nicht. Und dass er immer wieder aufs neue seine souveräne Pianistin Misha Cvijovic als Asylschlampe beschimpft und sich räsonierend an den Bühnenrand vor das Publikum stellt, nutzt sich als Effekt bald ab. So wird das Stück zu einem Solo mit Geistern, denn andere Familien-Figuren tauchen (bis auf Archies Tochter am Schluss) nicht leibhaftig auf. Sie werden mit 3D-Holographie so projiziert, dass sie auf einer kleinen Ebene im Hintergrund räumlich erscheinen. Anfangs wird auf diese Weise auch Harald Juhnke mehrfach eingespielt, ohne Funktion, sondern nur als Zitat.

Klar, das Berliner Boulevardtheater und sein einstiger Star sollen mit der englischen Music Hall verbunden werden. Doch wenn im zweiten Teil des Abends Familienmitglieder von Archie per Holographie auf dem hinteren Teil der Bühne auf einen Gazevorhang projiziert werden und dort eher steif herumstehen müssen, wird die Schwäche dieser Technik überdeutlich. (0bwohl sich die Geister von Anke Engelke und Werner Rehm redlich bemühen.) Da auch Lohmeyer wegen seiner wenig pointierten Texte keine Figur mit ihren Widersprüchen wirklich lebendig machen kann, bleibt der Abend ungemein spannungslos. Während Osborne mit unterschiedlichen Spielformen für die Entwicklung seiner Hauptfigur arbeitete, bleibt die Darstellung von Lohmeyer eher monoton. So blieb es eine Produktion ohne echte Höhepunkte, der nicht wenige Zuschauer schon in der Pause entflohen.