Agamemnon (Thomas Wittmann) erzählt vom Krieg, der Chor ist betroffen – die "Orestie" am Düsseldorfer Schauspielhaus

Agamemnon (Thomas Wittmann) erzählt vom Krieg, der Chor ist betroffen – die "Orestie" am Düsseldorfer Schauspielhaus

© Foto: Thomas Rabsch
Schauspielkritik

Orestutopie

von Detlev Baur

Aischylos: Die Orestie

Premiere: 14.09.2017
Düsseldorfer Schauspielhaus
Homepage: www.dhaus.de

Regie: Simon Solberg

Der Anfang wirkt eher bieder, ja medioker: Ein Wächter, der über einen flimmernden Fernseher alter Schule die Nachricht vom brennenden Troja erhält. Ein Chor in Schlafanzügen, der mit dem Wächter zum Volk verschmilzt und einen Agamemnon mit Aktentasche (Thomas Wittmann) empfängt. Eine ganz sachlich die unschöne Zukunft beschreibende Kassandra (Claudia Hübbecker) und eine eher beiläufig männermordende Gattin Klytaimnestra (Minna Wündrich). Doch dann kommen die Toten ins Spiel ­ ­- und die auf knapp zwei Stunden konzentrierte „Orestie“ im Central, der Übergangsspielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses, wird lebendiger.

Beim Erscheinen der vom Vater für den Krieg geopferten Tochter Iphigenie lässt sich langsam ahnen, dass es in diesem zweistündigen Stück (das ungekürzt eine mehrstündige Trilogie wäre) um viel, wenn nicht alles geht. Auch Aigisths (Stefan Gorski) üble Vorgeschichte deutet an, dass die fernen Geschichten der alten Griechen uns heute wieder näher sein könnten, als uns eigentlich lieb ist. Und als dann der Hipster Orest (Jonas Friedrich Leonhardi) auftaucht und er von einem trauernden Hasschor und einem sprechenden Vaterleichnam zum Muttermord aufgepeitscht wird, da gewinnt Simon Solbergs Inszenierung weiter an Dichte und Verbindlichkeit. Das Bühnengerüst (Ansgar Prüwer-LeMieux und Simon Solberg), das anfangs ein Staatsschiff als Schlafraum andeutete, sich dann nach Drehung als hohles Gerüst erwies, bricht nun auseinander und zeigt einen vereinzelten Muttermörder wie auf einer treibenden Eisscholle.

Im knappen Ende dann zeigt Robert Koalls entschiedene und ziemlich mutige Textfassung (basierend auf Peter Steins ausgewogener Übersetzung) die erschreckende Nähe aus dem Chor der Trauernden (im zweiten Teil der „Orestie“) und dem der Rachegöttinen (aus dem dritten Teil der Trilogie) mit Wutbürgern, die schnell zu ausgrenzendem Pöbel werden. Doch die schon zuvor außergewöhnlich milde Mordsschwester Elektra (Lieke Hoppe) übernimmt die Rolle, die im Originaltext die Göttin Athene erfüllt. Sie ruft zum Volksentscheid über die Schuld des gerechten Muttermörders auf und integriert die unterlegenen Hassfreunde schließlich zum demokratischen Mitherrscher um. Die tote Schwarzseherin Kassandra schließlich darf milde und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Wir alle können, wenn wir denn endlich aus dem Leiden lernen, an einer friedlichen Weltgemeinschaft mitwirken, so prophezeit sie. Das mag etwas naiv sein, ist aber in seiner Konsequenz sehr erfrischend. Die Düsseldorfer „Orestie“ wird zur Utopie. Für die neue Spielzeit ist das ein Versprechen auf ein Theater, das auch aus einem 2500 Jahre alten Stück mehr als feines Kunstgewerbe schaffen kann, nämlich anregendes, ja aufrüttelndes, sehr ernsthaftes Spiel.