Lucas Prisor (Josef), Sebastian König (Axel), Mandy Rudski (Santa) und Pferd in "Die Sonne" an der Berliner Volksbühne.

Lucas Prisor (Josef), Sebastian König (Axel), Mandy Rudski (Santa) und Pferd in "Die Sonne" an der Berliner Volksbühne.

© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Was für ein Theater?

von Elena Philipp

Olivier Py: Die Sonne

Premiere: 02.11.2011 (Uraufführung)
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Homepage: http://www.volksbuehne-berlin.de

Regie: Olivier Py

Zwei Künstlerseelen, ach!, tummeln sich in diesem Stück. Axel (Sebastian König), der dionysische Ekstatiker, ist das verehrt-begehrte Zentralgestirn der kleinen Truppe, die am Theater ein Stück von Josef spielt. Der bebrillte Autor im Hipster-Anzug (Lucas Prisor) ist ein Arbeiter im Weinberg des Herrn. Die Mechanismen von Gewalt will der Hermeneutiker in seinem Stück bloßlegen. Theater betrachtet er als demokratische Staatsbürgerkunde, und ein erotisches Verhältnis hat er zu seiner Kaffeekanne. Axel hingegen gibt den jungen Gott (und sein Darsteller den jungen Marlon Brando): Dem bekränzten Junggenialiker, einem selbst ernannten “Kirmesungeheuer” und fröhlichen Pryromanen, ist das Theater eine aristokratische Veranstaltung, das die “Urgewalt” feiert. “Wie langweilig dieses Verstehen ist; wie schön ist es, sich der Nacht hinzugeben, dem Geblendetsein, der Zerstörungslust, der Brautnacht des Südens…” Das Genie huldigt sich rauschhaft selbst. Seine Jünger ritzen sich indessen mit dem Rasiermesser Kreuzzeichen auf den Oberkörper oder planen, im lila wallenden Fummel, ihre Geschlechtsumwandlung (blass als Matthias und Charlie: Ingo Raabe und Uli Kirsch). Alles, damit Axels Glanz und Auge auch auf sie fällt.

Doch die kleine Sekte übersteht nicht den Misserfolg auf dem Theater und nicht die Auseinandersetzungen mit dem schmierig schweinsäugelnden Intendanten (Uwe Preuss). Axel wird irre am Tod des Kindes, das vielleicht Josef, vielleicht er mit Josefs Verlobter Senta (Mandy Rudski) zeugten. Im vierten Akt lebt der verstummte Star mit dem kellnernden Autor in einer ärmlichen Mansarde. Zwei verirrte Vatersuchende, denen die orientierende Sonne abhanden kam. Wie verlockend ist da ein versuchter Doppelselbstmord mit Kaffee und Kalium – der die beiden Künstler jedoch wieder ins Leben katapultiert. Axel ersteht vom Krankenbett, so wie die Morgensonne. Den konzentriert kritzelnden Josef lässt er mit der Kaffeekanne am Schreibtisch zurück, um sich außerhalb des Theaters seiner Bestimmung als Heilsbringer zu widmen. Als Typ ist dieser Narzisst, Verführer, Charismatiker wahrlich ein Unsterblicher.

Dreieinhalb Stunden rollt “Die Sonne” in französischer Dialoglastigkeit über die Rampe, streng nach den Regieanweisungen, die sich Autor und Regisseur Olivier Py selbst in den Text geschrieben hat. Apart ist die Kulissenbühne von Pierre André Weitz: Ein Klinkergebäude, dessen Elemente sich zu immer neuen Innenräumen, Höfen, Außenmauern verschieben lassen. Aktion findet fast nur auf der Vorderbühne statt – es sei denn, ein Darsteller reitet auf dem skulpturalen schwarzen Hengst, einem flügellosen Pegasus. Sir Henry, live am Flügel, lässt virtuos Klaviermusik perlen. Und die Gesichter der “Aktunten” – so eine im Spiel persiflierte Py’sche Phrase – sind dem Publikum zugewandt wie Sonnenblumen dem Licht.

Lediglich Ilse Ritter kann eine ironische Distanz zu ihrer Rolle mitspielen, anders als die Jungdarsteller. Sie gibt die Elena – Josefs Mutter und zeitweise Axels Geliebte – als alternde Diva zwischen Marlene und Marilyn. Fährt ihrem Sohn röhrend in die Parade, tituliert ihren neuen Gespielen Bobby (als erfreulich enthemmter Großkotz: Claudius von Stolzmann) hingerissen als jung, schön, genial und irrsinnig.

Letztlich weiß man nicht genau, ob Py sich über all die Künstlerklischees belustigt, die er mit nietzscheanischem Sprachfuror ausbreitet, oder ob unfreiwillige Komik die Regie in dem für die Volksbühne geschriebenen Stück übernommen hat. Möchte Py, ab 2013 Leiter des Festival d’Avignon, “das Theater” kritisieren, retten – oder ist ihm sein Künstlerdrama zu modrigen Phrasen zerfallen? Nicht selten dekonstruieren sich Autor und Stück selbst: “Esoterisches Gesäusel”, kommentiert Josef einen Monolog von Axel. Der manirierte Sprachduktus erinnert an die poetischen Gewährsleute Rimbaud und Artaud, die der Programmzettel zitiert, aber das Pathos scheppert hohl: “Man muss von unvorstellbarer Armut sein, um Schauspieler zu sein. Von einer unerträglichen Nacktheit.” Mehr als des Kaisers neue Kleider sieht man nicht.