Inszenierungsfotos nur zur Vorberichterstattung frei

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Schauspielkritik

Dokumentarische Aufarbeitung

von Bettina Weber

Nuran David Calis: Glaubenskämpfer

Premiere: 27.02.2016 (Uraufführung)
Schauspiel Köln
Homepage: http://www.schauspielkoeln.de

Regie: Nuran David Calis

Ein kurzer Videobildersturm im Zeitraffer – kumulierte Eindrücke aus den Medien von der Kölner Silvesternacht bis zur rechten Demo – macht deutlich, was die Ausgangslage für Nuran David Calis neuen Dokumentartheaterabend „Glaubenskämpfer“ am Schauspiel Köln ist: Extremismus und Ängste, religiöser Fanatismus und seine Folgen. Der Glaube erfährt eine neue Präsenz, und in der säkularisierten westlichen Welt werden dadurch neue und alte Fragen laut. Doch was wäre, wenn wir die Religion als ein Buch voll unbeschriebener Blätter verstünden, die weniger mit dogmatischen Regeln als vielmehr mit den persönlichen Geschichten gläubiger Menschen beschrieben werden sollten? Diese offene Haltung prägt nicht nur die Dialoge der Inszenierung, sondern findet sich auch in dem so simplen wie sinnbildlichen Bühnenbild von Anne Ehrlich wieder. Eine Art großes, weißes Buch steht aufgestellt in der Bühnenmitte, wird immer wieder neu auf- und zugeklappt, vor den Seiten berichten Laien, Vertreter der drei großen Weltreligionen, von ihrem persönlichen Weg zum Glauben, um den abstrakten Begriff Religion mit konkretem Leben zu füllen.

Wie fragende Kinder sitzen die Schauspieler Annika Schilling, Mohamed Achour, Martin Reinke und Simon Kirsch in der Hocke vor den Experten des religiösen Alltags, erhoffen sich Erkenntnisse darüber, wie der Glaubende fühlt, was den Islam, das Christentum und das Judentum ausmacht. Die Schauspieler werden wie in Calis’ Inszenierung „Die Lücke“, seinem eindrücklichen Dokumentartheater über den Nagelbombenangriff auf der Keupstraße und den NSU-Prozess, das 2014 ebenfalls am Schauspiel Köln entstand, als Fragende eingesetzt, die auch Vorurteile aussprechen. Da kann man sich als Zuschauer wieder zunehmend ertappt fühlen, weil man sich womöglich die Frage nach den Gründen für die Kölner Silvesternacht, nach dem Geschlechterverhältnis im Judentum oder nach brutal klingenden Suren des Koran im Hinterkopf selbst beantwortet hatte, ohne den konfrontativen Dialog mit den Anderen in der Weise gesucht zu haben, wie ihn fragende Schauspieler und antwortende Gläubige hier führen.

Einige der Laien (Ismet Büyük, Ayfer Sentürk Demir und Kutlu Yurtseven) standen wie die Schauspieler Simon Kirsch und Annika Schilling schon in der „Lücke“ mit auf der Bühne, was den Abend genauso zu einem Fortsetzungstheater macht wie die Tatsache, dass Calis das Prinzip des Frage-Antwort-Spiels und das Aussprechen unangenehmer Gedanken wiederholt. Was der Fortsetzung fehlt, ist allerdings eine markante Weiterentwicklung des Regiekonzepts – Nuran David Calis hält sich auch in „Glaubenskämpfer“ eher zurück, verwebt aber die Fragen der Schauspieler mit den Erzählungen der Laien trotzdem wieder zu einem gelungenen Zusammenspiel. Besonders überzeugend wird es zum Beispiel da, wo die Rolle des Schauspielers mit der des Betroffenen zusammenfällt, so bei Mohamed Achour, der erzählt, wie er auch unter gebildeten Theatermachern frustrierende Ausgrenzung erfahren hat. Wie ein Regisseur ihn konsequent Ahmed nannte und ein Schauspiellehrer ihn zum Quotenausländer degradierte.

Martin Reinkes Reflexionen seiner eigenen Religionsphilosophie, die sich aus der Aufklärungslektüre speist und über die Pascal’sche Wette zu einem Glauben führte, ziehen einen dabei genauso in den Bann wie die Erinnerungen des jüdischen Psychotherapeuten Avraham Applestein, dessen Großeltern Opfer des Holocaust waren, oder die der Benediktinerin Johanna Domek, die immer wieder in ihrem Glauben erschüttert wurde, bis sie schließlich doch ins Kloster wollte. Dass die Schauspieler zwischendurch Diskussionen aus dem Probenprozess auf der Bühne weiterführen oder zitieren, mag zwar inhaltlich an mancher Stelle überflüssig sein, funktioniert jedoch wunderbar als dramaturgisches Schmiermittel zwischen den szenischen Einzelepisoden.

Natürlich haftet der puren Dokumentation von Geschichten, Gedanken und Fragen stets etwas Untheatrales an. Doch die individuellen Werdegänge, die bewegten Erzählungen, vermögen es, zu berühren und über die Lehrstunde in vergleichender Religionswissenschaft hinauszugehen, in die sich die Inszenierung auch momentweise zu verwandeln droht. Die Antworten der Laien auf die Fragen nach den grundsätzlichen Prinzipien ihres Glaubens weisen nämlich erwartungsgemäß auf grundlegende Unterschiede genauso hin wie auf bekannte Parallelen der Weltreligionen. Es ist, als sei der Abend auch eine Aufforderung zur Rückbesinnung auf das verbindende Element der Religionen: die Nächstenliebe, der Aufruf zu einem friedlichen Miteinander. Die Darsteller wechseln stets die Position, sitzen im Buch oder auf Stühlen, hocken lauschend vor den anderen oder stehen einander, gerade in den konfrontativen Situationen, direkt gegenüber. Über ihnen hängen viele bunte Glühbirnen von der Decke, als symbolisierten sie verschiedene Formen der religiösen Erleuchtung.

Doch es wäre kein Abend von Nuran David Calis, wenn es nicht auch unangenehm würde: Das weiße Buch der Religion wird nämlich auch zur sprichwörtlichen Projektionsfläche für fanatischen Extremismus. Denn natürlich repräsentieren die liberalen Gläubigen und Nichtgläubigen auf dieser Bühne nicht das ganze gesellschaftliche und religiöse Spektrum – und die friedlichen, wenngleich emotional geführten Debatten auf der Bühne nicht das Ausmaß der real geführten Konflikte. Daher werden ein gruseliges IS-Propagandavideo und Erklärungen des Al-Quaida-Sympathisanten Bernhard Falk genauso gezeigt wie unerträgliche Gespräche mit den rechten Pegida- und Hogesa-Frauen Melanie Dittmer und Ester Seitz. Als Beispiel dafür, wie der Ausstieg aus dem Extremismus gelingen kann, legt der ehemalige Salafistenprediger Dominic Schmitz seinen Werdegang vom frustrierten Schüler zum radikalen Islamisten dar, der in der Salafistenszene erst Anerkennung findet und schließlich doch so kritisch wird, dass er „den Absprung schafft“. Bis heute bedrohen ihn die ehemaligen „Brüder“.

Am Ende erinnert sich der Musiker Kutlu Yurtseven daran, wie er als kleiner Junge in der christlichen Kirche zu Allah betete, und wie ihm dafür der Pastor auf die Schulter klopfte. Wie die Muslime früher ihr Fleisch beim jüdischen Schächter kauften. Doch heute? „Was ist in den letzten fünfzig Jahren aus uns geworden?“ fragt er. Und eröffnet damit eine gedehnte Schweigeminute vor dem letzten Black. Die Menschen haben sich wegen ihres Glaubens seit Jahrhunderten bekriegt: Kreuzzüge, islamische Expansion, Dreißigjähriger Krieg. Die letzten fünfzig Jahre erscheinen in Anbetracht dessen als winziger Schnipsel Zeitgeschichte, auf dem der israelisch-palästinensische Konflikt und der Guerillakrieg der Dschihadisten nur zu bestätigen scheinen, was uns die Geschichte lehrt. Haben wir nichts gelernt? Der Diskurs führt, wie schon Annika Schilling zwischendurch verzweifelt festhält, leider nicht zu Lösungen, die Erkenntnisse des Dialogs haben keinen Frieden zur Folge.

Nuran David Calis ist ein Regisseur, der den Finger nicht mahnend erhebt, sondern mitten in die Wunde legt – mit großem Erfolg, was sich auch daran zeigt, dass er sein zweites Stück in Köln nicht mehr nur in der Zweitspielstätte Depot 2, sondern im großen Depot 1 der Interimsspielstätte in Mülheim entwickeln durfte. Dass der Abend kein Rezept für Besserung verspricht, ganz undogmatisch viele Fragen offen lässt und einem die eigene Hilflosigkeit und versteckte Ressentiments vor Augen führt, macht ihn zu einem absolut sehenswerten Theaterereignis.