Heimo Essl, Elke Wollmann, Thomas Klenk und Nicola Lembach in "Am schwarzen See" am Staatstheater Nürnberg

Heimo Essl, Elke Wollmann, Thomas Klenk und Nicola Lembach in "Am schwarzen See" am Staatstheater Nürnberg

© Foto: Marion Bührle
Schauspielkritik

Mauer gegen die Erinnerung

von Dieter Stoll

Dea Loher: Am schwarzen See

Premiere: 18.10.2014
Staatstheater Nürnberg
Homepage: www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Maik Priebe

Im trostlosen Wohnzweck-Bungalow (Bühne: Susanne Maier-Staufen) führt der Blick direkt ans Dunkel der grauenvollen Erinnerung: Die geschlossene Verandatür, hinter der das Schilf vom nahen See undeutlich bis ans Fensterglas wuchert, wird am Ende in einer langen stummen Szene von zwei Handwerkern zugemauert. Die beiden Ehepaare, deren Kinder vier Jahre vorher hier gemeinsam den Freitod suchten, sind mit ihrer späten Privat-Therapie zur dauerhaft präsenten Schuld-Frage gescheitert – die Mauer soll die Fixierung auf die Vergangenheit verbauen und ist doch gleichzeitig das Gefängnis für lebenslänglich unkontrollierbare Gefühle. In der eindrucksvollen Nürnberger Inszenierung von Dea Lohers niederschmetterndem Stück „Am Schwarzen See“ setzt Regisseur Maik Priebe dem realistischen Ansatz der portioniert fließenden Dialog-Wechsel kurz vor dem Ende diese klotzige Trotz-Metapher entgegen. Sie lässt den kärglichen Rest von Hoffnung zerschellen.

Zu Beginn, wenn das Wiedersehen der beiden Paare (der wirre Pleite-Sozialromantiker samt tüchtiger Ehefrau vom Land empfängt den Banker-Karrieristen samt Psycho-Hascherl aus der Stadt) mit verlegenen Floskeln und wohlfeilem Serpentinen-Gequatsche zögerlich Fahrt aufnimmt und dabei gesprächsweise die Kinder als Anlass der Begegnung auftauchen, ist ein Quergedanke nahezu unvermeidlich: Sollte der „Gott des Gemetzels“ zur nächsten Schlacht gerufen haben? Dea Loher wird sich, als sie vor zwei Jahren ihren Text zur Uraufführung freigab, der scheinbaren Nähe zu Yasmina Rezas Erfolgskomödie bewusst gewesen sein – und konnte den Vergleich entspannt abwarten. Gibt sie doch bei ihrer manchmal geradezu dokumentarisch stilisierten Skizzierung des Konflikts dem Fluchtweg zur Schadenfreude keine Chance. Der Zuschauer wird – zumindest in der Nürnberger Interpretation – nicht Voyeur, sondern Zeuge der aufbrechenden Auseinandersetzung und schaudert am stärksten dort, wo die Autorin schrilles Ablenkungs-Gelächter auf das faulig gewordene Entsetzen pflanzt.

Maik Priebe inszeniert die ins Hoffnungsvolle gespreizte Begegnung zweier Ehen, wie sie vom Schicksal aufgeladen sind und umeinander kreisend ihre Energie bis zur Notreserve verbrauchen, mit konzentriertem Blick auf die genaue Positionierung der Figuren. In stets unvollendet bleibenden Szenen, die wie mit dem Fallbeil zur Collage geschnitten sind, entsteht eine berstende Fassade, hinter der Anekdoten mit dem Elend zu kopulieren scheinen. Verklärte Erinnerungen an einen verwunschenen Ort, an dem man früher „beinahe gern“ war, werden weggewischt von zeitlos schmerzhafter Vermutung übers Unglück. Was war da los und warum? Nichts wird bewältigt, alles bleibt unheile Welt. Die Regie zeigt schon vor dem Mauerbau die alles überlagernde Ratlosigkeit, indem sie in der zerhackten Szenenfolge immer wieder Blanko-Bilder absoluter Leere auftauchen lässt, Dummy-Momentaufnahmen wie Muster von Weltuntergangsstimmung. Der Tod der Kinder, das wird klar, ist nur der Anlass, nicht der Kern der Beziehungs-Probleme.

Die Schauspieler müssen in diesem Rahmen nichts sonst sein als glaubwürdig. Schwer genug! Wie sie schüchtern die zerrissenen Fäden einer behaupteten Familien-Freundschaft aufnehmen, in hysterischem Optimismus „gute alte“ Zeiten herbeizitieren und aus dieser diffusen Harmonie-Beschwörung abstürzen – das erfordert im kleinen Seitenblick wie im großen Zusammenbruch absolutes Feingefühl ohne Theaterdonner. Das Nürnberger Ensemble (Elke Wollmann, Nicola Lembach, Thomas Klenk, Heimo Essl) bekommt das als differenziertes Gruppenbild sehr genau hin, hütet sich weitestgehend vor brüllenden Temperaments-Effekten. Die Mitleids-Falle schnappt selbst dann nicht zu, wenn das Quartett an der Rampe dicht am Publikum das Scheitern mit wässrigen Augen rekapituliert. Der Zuschauer, nah gekommen und doch nicht umarmt, wird mit dem letzten krachenden Blackout in die Wirklichkeit zurückgestoßen. Es gibt angenehmere Abende im Theater. Wahrhaftigere eher selten.