Ana Berkenhoff im neuen Stockmann-Stück "Expedition und Psychiatrie" in Heidelberg.

Ana Berkenhoff im neuen Stockmann-Stück "Expedition und Psychiatrie" in Heidelberg.

© Foto: Markus Kaesler
Schauspielkritik

Surrealistische Messe

von Volker Oesterreich

Nis-Momme Stockmann: Expedition und Psychiatrie

Premiere: 04.03.2011
Theater Heidelberg
Homepage: http://www.theaterheidelberg.de

Regie: Nis-Momme Stockmann

Seit seinem Heidelberger Debüt mit „Der Mann der die Welt aß“ reißen sich die Bühnen bundesweit um seine Stücke, und nun ist Nis-Momme Stockmann mit einer sehr eigenwilligen Auftragsarbeit an den Ort des ersten Triumphs zurückgekehrt – nicht nur als Autor, sondern auch als Regisseur. „Expedition und Psychiatrie“ heißt der sehr verblüffende Text über die Erlebnisse des stoisch dreinblickenden Zauberkünstlers Dariusz. In seiner Welt wird die tiefere Bedeutung von Worten und Gedanken permanent in Frage gestellt. Gott und die Philosophie, die Erkenntnis und der Zweifel bieten keinerlei Halt in dieser surrealistisch anmutenden Messe, in der es Prozessionen genauso gibt wie geheimnisvolle rituelle Handlungen oder merkwürdige pseudoreligiöse Symbole: Augen und Pyramiden in vielerlei Variationen. Hier klingt ein bisschen Anti-Nietzsche an, da ein bisschen Pantheismus, und dort scheint beim fäkalen Gottesbild sogar Alfred Jarrys König Ubu anzuklopfen.

Trotzdem entwickelt das sinnentleerte Durcheinander eine sprachmusikalische Kraft. Durch den suggestiven Elektrosound des DJ-Duos Les Trucs bekommt der Text eine starke meditative Sogwirkung. Mal wirkt die Performance wie eine Sprechoper, manchmal sogar wie ein absurdes Oratorium, zu dem magische Augen- oder Pyramiden-Projektionen des Videokünstlers Christian Pranso über die Leinwand flimmern. Ein Steg in der Mitte und eine Zeltpyramide, die sich zum Schiffssymbol wandelt, signalisieren, dass wir uns in Küstennähe befinden (Bühnenbild: Yassu Yabara). Links am Rand die beiden Klangmagier von Les Trucs hinter einem halbrunden Schrebergartenzaun.

Abgesehen von dem Heidelberger Ensemblemitglied Natalie Mukherjee (sie spielt die Mutter des Zauberers Dariusz) wurden für diese Produktion ausschließlich Schauspielschüler engagiert. Talentiert sind sie allesamt, auch in ihrem Taktgefühl fürs Musikalische. Prima inter pares ist Ana Berkenhoff, die den stets unterkühlt auftretenden Zauberkünstler spielt. Tobias Gralke, Tim Kalkhof, David Müller und Florian Stamm tragen das ihre dazu bei, dass die kaum nachvollziehbaren Assoziationsketten Stockmann zum Klangerlebnis werden. Wer ein Faible für den Dadaismus hat, wird an dem Spektakel seine Freude haben.