Mondtags "Erbe" an den Münchner Kammerspielen

Mondtags "Erbe" an den Münchner Kammerspielen

© Foto: Armin Smailovic
Schauspielkritik

Seltsam albern

von Anne Fritsch

Olga Bach, Ersan Mondtag, Florian Seufert: Das Erbe

Premiere: 22.06.2017 (Uraufführung)
Münchner Kammerspiele, München
Homepage: https://www.muenchner-kammerspiele.de/

Regie: Ersan Mondtag

Der NSU-Prozess ist in München längst Alltag geworden. Dass er jemals zu Ende geht, daran glaubt kaum mehr einer. Seit vier Jahren werden am Oberlandesgericht Zeugen vernommen und Beweisstücke interpretiert, während die Angeklagte Beate Zschäpe vor allem eines tut: schweigen. Zwei Theaterabende zum Thema NSU gab es bereits in München: Christine Umpfenbachs dokumentarisches Projekt „Urteile“ am Residenztheater und Elfriede Jelineks „Das schweigende Mädchen“ an den Münchner Kammerspielen in der Regie von Johan Simons. Nun widmet sich der Nachwuchs-Regiestar Ersan Mondtag dem Thema: Eine „Assoziation zum NSU“ nennt sich das Projekt mit dem Titel „Das Erbe“, das er mit Olga Bach und Florian Seufert entwickelt und nun an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat.

Der Untertitel trifft die Sache recht genau. Eine stringente Handlung oder nachvollziehbare Erzählstränge gibt es nicht. Nur eine vage Idee, die Frage nach der Schuld und dem Umgang mit ihr. Der deutsche Rechtsstaat als Ödipus, der einen Mörder sucht, der er doch selber ist? Beate Zschäpe als missratenes Kind einer verkommenen Gesellschaft? Zu Beginn hört man endlose Zahlenreihen vom Band, dann übernimmt der Chor. Allmählich kristallisieren sich Jahreszahlen heraus: Zahlen von Kriegen, Revolutionen und anderen historischen Daten wie Wiener Kongress, Gründung der BRD oder Wiedervereinigung. Von Anfang an ist eines klar: Hier geht es nicht allein um das Phänomen NSU, hier geht es um das große Ganze.

Rainer Casper hat einen schwarzen Raum auf die Bühne gebaut, auf dessen Wänden sich eine mit leuchtender Kreide gezeichnete Bildergalerie eröffnet. Abbildungen von Quallen, Krokodilen, Menschen und deren Schädeln. Bildschirme, auf denen bewegte Portraits der Schauspieler abgespielt werden. Ein naturhistorisches Museum, wenn man so will. Eine Abrechnung mit der Spezies Mensch. In einem Hinterzimmer liegt eine nackte hochschwangere Frau, die erstaunliche Ähnlichkeit mit Beate Zschäpe aufweist. Tina Keserovic ist die einzige Schauspielerin, die ein menschliches Antlitz tragen darf. Die anderen, Thomas Hauser, Jelena Kulji?, Jonas Grunder-Culemann, Lena Lauzemis, Damian Rebgetz und Wiebke Puls, sind bis zur Unkenntlichkeit entstellt: Rot-orange geschminkt, mit Elfenohren und einem Kranz aus weißen Haaren sehen sie aus, als wären sie nicht von dieser Welt. Und möglicherweise sind sie das auch nicht. Im Hintergrund sehen wir die Erde aus dem Weltall, die sich immer weiter entfernt. Außerirdische also mit Zschäpe als blinder Passagierin, ein Alien, sie, der einzige Mensch in dieser Runde.

In 90 Minuten wird von Gemälden der Renaissance bis hin zur Mini-Playback-Show deutsche Kulturgeschichte abgewickelt, allerlei politisch (Kurt Eisner) und privat (Ernst August Wagner) motivierte Morde sowie das Versagen des Rechtssystems am NSU angerissen. Mondtags Inszenierung ist eine lose Verknüpfung von Gedanken, Zitaten und Themen, deren Zusammenhang oft nur den Beteiligten selbst klar ist. (Wenn überhaupt.) Von Sophokles über das Deutsche Strafgesetzbuch, Franz Kafka, Spongebob und Angela Merkel bis Dr. Oetker gibt es quasi nichts und niemanden, der hier nicht zitiert wird. Eine Auseinandersetzung mit dem titelgebenden kulturellen Erbe: Was bleibt von der Menscheit? Von Deutschland? Von München? Und die große Frage: Hilft Kultur beim Aufarbeiten von Schuld? Ist das Böse darstellbar?

Eher nicht. Und so kann man Mondtags Inszenierung auch als selbstironischen Blick der Gattung Theater auf sich selbst interpretieren. Während die Schauspieler slapstickartig nach den richtigen Akten suchen, sich auch mal wie Dönerfleisch um einen imaginären Spieß drehen und im Chor endlos die Nummern von abertausenden Beweismitteln aufsagen, schleicht die schwangere Zschäpe um sie herum. Sie gibt sich niedlich, hüpft Kästchen und brüllt auch mal wie ein Affe. Ein infantiles, unzurechenbares und ungezähmtes Wesen, das auf das Kindchenschema setzt, dann aber plötzlich die Opfer des NSU verhöhnt.

Am Ende werden die im Schwarzlicht leuchtenden Aliens zu Geburtshelfern. Und siehe da: Es ist ein Gehirn. Wer da nun seines verloren hat, ob nur Zschäpe selbst oder ganz Deutschland, wird wie so vieles an diesem verworrenen, seltsam albernen Abend nicht klar.