Bettina Lieder und Andreas Beck

Bettina Lieder und Andreas Beck

© Foto: Birgit Hupfeld
Schauspielkritik

Die Party ist vorbei

von Guido Krawinkel

Mike Daisey: Trump

Premiere: 03.03.2017 (Deutsche Erstaufführung)
Theater Dortmund
Homepage: https://www.theaterdo.de

Regie: Marcus Lobbes

Trump, Trump, Trump, und ein Ende ist nicht abzusehen... Der mediale Hype ist schier unendlich. Wohl kaum jemals hat ein Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika derart die Medien beschäftigt und die Gemüter erhitzt. Hielt man es anfangs noch für unmöglich, dass Trump überhaupt Kandidat werden könnte, sitzt er nun im Oval Office, und - so erweckt es zumindest den Anschein - scheint die Welt der politischen Bühne nurmehr um ihn als Fixstern des populistischen Anti-Establishments kreisen zu lassen.

So gesehen nimmt es nicht wunder, dass es, kaum dass der ehemalige Immobilien-Tycoon und Reality-TV-Star in Amt und Würden ist, nun auch ein Theaterstück über seine Geschichte gibt. Der Amerikaner Mike Daisey hat einen bitterbösen Monolog geschrieben, der das System Trump analysiert und seziert. Zweieinhalb Stunden lang ist das in großen Teilen schon vor den Wahlen entstandene und später aktualisierte Stück "The Trump Card" (so der Titel im Original) in der Urfassung, die der Regisseur Marcus Lobbes in einer auf anderthalb Stunden eingedampften Version im Dortmunder Megastore auf die Bühne bringt.

Damit hat er dem Text durchaus einen Dienst erwiesen, denn in der etwa auf Youtube zu sehenden Urfassung hat selbiger wie nahezu jeder von politischen Überzeugungen diktierte Text zweifellos einige Längen, zumal Daisey ein gewichtiger aber kein begnadeter Schauspieler ist. Da bringt die Dortmunder Version durchaus mehr Format auf die Bühne, gerade auch weil Lobbes in einigen Punkten vom Original abweicht. So hat er den Text auf zwei Schauspieler aufgeteilt und in einen dramaturgischen Rahmen eingebettet, der passender kaum sein könnte.

Das Publikum wird in Dortmund auf eine fiktive Wahlparty geladen, stilecht mit Hot Dogs und Drinks, Gute Laune-Muzak, passend dekoriert mit allerlei amerikanisch-republikanischen Charme versprühenden Devotionalien. Und wie es sich für eine Party gehört, steht das Publikum an Tischen, parliert, futtert, lässt sich von der synthetischen "Make Amerika great again"-Atmosphäre einlullen. Das wäre soweit ganz komfortabel, wenn da nicht zuweilen die Schauspieler auf Tuchfühlung gehen und ihm gehörig auf den Leib rücken würden.

Bettina Lieder und Andreas Beck hängen sich mit großer Wucht und beeindruckender Präsenz in den zwischen bitterbösem Sarkasmus und moralisierender Attitüde changierenden Text. Sie spielen nicht nur auf der angedeuteten Bühne, sie wandeln auch durch das Publikum und verdichten die innere Dramaturgie und den Sprachrhythmus des Textes sehr nachdrücklich. Sie sprechen gezielt Leute an, nötigen sie regelrecht dazu, sich ganz konkret und persönlich mit dem Text und den Ereignissen auseinanderzusetzen. Diese mehr oder weniger direkte Konfrontation bricht die Ereignisse auf eine persönliche und erfahrbare Ebene herunter, schafft Nähe und Betroffenheit. Denn die über allem schwebende Frage bleibt bestehen: Wie konnte es so weit kommen, dass ein derart skrupelloser Betrüger, gerichtsbekannter Falschspieler, notorischer Lügner und kulturloser Prolet zum mächtigsten Mann der Welt aufsteigt?

Natürlich können weder Daisey noch Lobbes diese Frage wirklich beantworten. Dafür ist die Wirklichkeit selbst in der infantilen Gedankenwelt eines Trump zu komplex. Doch sie können das System Trump hinterfragen, seine Mechanismen offenlegen, das politische Gespenst Trump entlarven. Das gelingt nicht zuletzt, weil Lobbes den mit biografischen Details reich gespickten Originaltext durch seine Inszenierung auf eine andere, eine Meta-Ebene hebt, weg von der direkten politischen Agitation, hin zu einem mal analytischen, mal amüsanten und auf jeden Fall sehenswerten Stück. Am Ende bleibt ein ernüchterndes Fazit: nach und nach, zuerst fast unmerklich aber am Ende unübersehbar wird die gesamte Szenerie abgeräumt. Bis man schlussendlich in einer nackten Fabrikhalle steht. Das ist die Wirklichkeit. Die echte, nicht die alternative. Die Party ist plötzlich vorbei. Und der Alptraum hat schon längst begonnen.