Szenenfoto

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© Foto: Theater in der Orgelfabrik
Schauspielkritik

Matrimonium Nullum

von Eckehard Uhlig

Gabriele Michel / Franco Rosa: Hochzeitsnacht in der Rue Morgue

Premiere: 19.08.2017
Theater in der Orgelfabrik, Karlsruhe
Homepage: http://www.theaterinderorgelfabrik.de

Regie: Franco Rosa

Auf die skurrile Idee muss man erst kommen - eine Hochzeitsnacht in Edgar Allen Poes „Rue Morgue“ zu verlegen, in ein unheimliches Leichenschauhaus. Gabriele Michel und Franco Rosa sind in ihrem Stück „Hochzeitsnacht in der Rue Morgue“ dieses Wagnis eingegangen. Herausgekommen ist eine von ihnen selbst und ihrem Ensemble theatralisch aufbereitete schaurig-schöne Szenenfolge, die im alternativen Karlsruher „Theater in der Orgelfabrik“ intellektuelles Sommer-Vergnügen bereitet.

Natürlich eröffnet der gruselige Thriller zünftig mit einer dröhnenden Orgelfassung des Hochzeitsmarsches, die auch dem schrundig bröckelnden Charme der einstigen, mit Rosengirlanden aufgehübschten Fabrikhalle geschuldet ist. Die anfangs strahlende Braut Griselda (Martina Eckrich) und ihr altmodisch gekleideter, betulicher Bräutigam Rufus (Rainer Haring) sind ein bizarres Paar. Ihre in immer neuen Anläufen misslingende, von Stiefmutter Genoveva (Gabriele Michel), von Rufus' Schwester Muriel (Ulrike Schmitt), dem Cousin Egeus (Oliver Grimm) oder dem Freund Oskar (Kumar Ramayya) gestörte Hochzeitsnacht wird zum tragikomischen Spiel. Die angekündigten Renovierungsarbeiten im Haus und deren Finanzierung sowie eine geplante Hochzeitsreise nach Venedig entzweien die Familienbande der Hausgenossen und lösen verwickelte Eifersüchteleien aus. Auch werden die Protagonisten in schlaftrunkenen  Alpträumen von allerhand Reminiszenzen an Poes bluttriefende Mordgeschichte heimgesucht, die sich hier am Handlungsort zugetragen hat.

Während Griselda und ihr Hochzeiter, den sie zu dessen zornigem Unwillen nur „Bärchen“ nennt, zunächst brav und später nur noch verbiestert auf Omas plüschiger Chaiselongue sitzen und liegen, treibt der in Poes Erzählung vom Kapitän (Winfried Spiegel) gezüchtigte Orang-Utan (Kumar Ramayya in Maske) an Seilen und hohen Brüstungs-Geländern als pantomimischer Schattenspieler sein tierisches Unwesen. Dazu ertönt dräuend wagnerianische Weltuntergangs-Musik. Bald wird er, mit dem Rasiermesser spielend, das er seinem Herrn gestohlen hat, zum Glöckchenklang von Nussknacker-Ballett-Tänzen seinen grauenvollen Puppen-Mord begehen. Auch tauchen die von ihm in Poes Kriminal-Realität massakrierte Madame L'Espanaye und ihre zerfleischte Tochter, deren Leichen der Affe brutal in den Kamin des Morgue-Hauses gerammt hat, als Totentänzerinnen aus den Katakomben auf. Der hinter schummrig beleuchteten Fabrik-Fensterhöhlen gebotene Danse macabre kennt aber auch Tango-fetzige Auswüchse und abgründige Leidenschaft.

Mit erhobenem Hackebeil geht Rufus lustmörderisch auf Kätzchen-Jagd, eine Angewohnheit, bei der er vor langer Zeit offenbar seine erste Gattin getötet hat. Von der schauspielerisch brillanten Aktion hätte sich Hitchcock eine Scheibe abschneiden können. Ein auf der Bühne als Ensemble-Kabinettsstück präsentierter Irrenhaus-Aufenthalt ist die Folge. Köstlich dargeboten wird der Flirt zwischen der reichen, aber halb dementen Genoveva, die ihr Zimmer im Haus nicht mehr findet, und dem hochstaplerischen Schmarotzer Anton (Franco Rosa), der ihr den teuersten Champagner  und „un plat de la mer“ serviert, um an ihre angebliche Schenkung zu kommen. Erfrischend direkt und schonungslos die Redeweise der Dame, wenn sie ihre in der Liebe zu kurz gekommene Tochter Muriel als „verklemmten Blaustrumpf“ und Sohn Rufus als „Pfeife“ tituliert. Ein Hingucker ist auch der schüchterne Egeus, der schlaflos im Nachthemd erscheint und passend spießig mit Sockenhaltern ausstaffiert ist. Nicht nur in der überfallartigen Liebesszene mit ihm spielt Ulrike Schmitt ihre ganze Klasse aus.

Die Autoren haben den grenzwertig an Psychosen laborierenden Mimen vielsagend literarische Märchen- und Legenden-Namen verpasst. Irgendwie sind sie alle spielfreudig auf den verschiedenen Ebenen der Vorder- und Hinterbühnen in Liebeshändel und abstruse Beziehungskisten verstrickt. Die Hauptakteure erleben allerdings eine Pleite. Pater David (Franco Rosa), der für die Trauung zuständige Geistliche, drängelt sich auf dem Sofa zwischen das Brautpaar und erklärt in leierndem Kirchen-Latein dessen Ehe als matrimonium nullum, also für nichtig. Da sinkt Griselda in ihren weichen Sitz zurück. Rufus nascht von der Hochzeitstorte und verkündet so ganz nebenbei, morgen sei auch noch ein Tag. Wieder einmal bleiben alle Fragen offen. Affen ziehen den Theatervorhang zu.