Ensembleszene

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© Foto: Armin Smailovic
Schauspielkritik

Menschenreste der Postapokalypse?

von Jens Fischer

Michel Decar: Schere Faust Papier

Premiere: 18.12.2016 (Uraufführung)
Thalia Theater, Hamburg
Homepage: https://www.thalia-theater.de

Regie: Ersan Mondtag

Da ist sie wieder, eine perfekt gegen jedweden Realismus abgeschottete Realität. Dahingekünstelt von Ersan Aygün, der als Regisseur Ersan Mondtag Lobpreisungen erfuhr, weil er anti-, also hypermodern auf eine unüberwindlichen vierte Wand setzt und die Autonomie seiner Bilderfantasie feiert. Wie jetzt erneut in Hamburg bei der Uraufführung von „Schere Faust Papier“ am Thalia Theater.

Da sich Autor Michel Decar nicht entscheiden mag und als „mögliche“ Bühnenbilder „Das Innere eines Walfisches“ oder „des Nobelpreisträgers Thomas Mann“, „Eine Shisha-Bar in Rio de Janeiro“, „Steppen Kasachstans“, „Stalins Arbeitszimmer“, „Der Ozean von unten“, „Menschlichkeit, dargestellt in Licht und Bewegung“ oder das Gewimmel von einer „Milliarde Meerschweinchen“ vorgeschlagen hat, setzt Mondtag einfach kompliziert auf etwas ganz Eigenes. Eine aus geometrischen Grundformen stilisierte Hügellandschaft, umgeben von Wolkenprospekten.

Hineingepflanzt sind fünf … ja, was sind das? Aliens vielleicht, Menschenreste der Postapokalypse? Sie behaupten zwar, mal eben für nur fünf Minuten eingeschlafen zu sein, aber vielleicht waren es auch zwei Millionen Jahre. Zeiten, Orte, Figurenkonstellationen wechseln fortan ständig und werfen neue Fragen auf.

Deutlich ist anfangs nur wie mitgenommen das Stückpersonal aussieht. Wucherungen an den Körpern, der Kopf eine einzige Beulenpest, dschungelartige Behaarung, Patschehände und Watschelkrähenfüße. Mit ruckartigen Marionettenbewegungen wackeln oder trippeltanzen diese Figuren in Polonaise-Reihung durchs stets apart ausgeleuchtete Bühnensetting. Und verfallen in Harmoniegesang. Der dann in Sprechsingsang übergeht – erst auf, dann gegen eine vibraphonisierte Melodie artikuliert. Klingt wie Laurie Andersons „O Superman“. Zunehmend legen sich Störgeräusche darüber. Schmiedeeisernes Gehämmer, dann Kriegslärm. Das Thema des Abends.

Ihr Fell als Bio-Pullover entdeckt das Sangesquintett und auch die Ur- als Natur-pur-Zeit voller Vogelgezwitscher – bis es der Arbeit einer Reisleitung nachgeht, die heute mal nicht als Nachtwächter-Darsteller durch Altstädte, sondern im Zombie-Kostüm durch die Menschheitsgeschichte führt. Guck mal da: erste Höhlenzeichnungen. Hör mal hier: Regeln und Gesetzte des Zusammenlebens werden erfunden, erste „solide Ackerbaugesellschaften“ entwickelt. Schon ist liturgisches Murmeln zu hören – Hexenverbrennung wird gespielt, auch Kreuzzug und die Eroberung Amerikas. Unterbrochen von rhythmischen Zuckungen am Boden. "Sex funkt einen immer dazwischen.“ Das ist die eine Erklärung für diese Choreografien.

Auf eine zweite verweist die Frage: „Haben die schon wieder das Schießpulver erfunden?“ Ja, es wird ständig gestorben im Feuerwerk der Kriege. Der Suche nach Mustern der Historie folgt die Frage, warum denn da immer wieder einer schieße, wohl wissend, dass dann einer zurückschieße und das Gemetzel von neuem beginne? Anstatt sich aber damit auseinanderzusetzen, werden nur die üblichen Ausreden komödiantisch ausgebreitet: Da läuft einem halt mal einer gegen die Keule und fällt tot um, kann passieren; da war man mal nicht so konzentriert, schon türmten sich die Leichen; ach, man habe nur seine Pflicht getan. Dieses Geplänkel gipfelt im niedlichen Resümee: „Absolute Ehrlichkeit ist wild, klug, schön und das einzige, was uns jetzt vor der Zerstörung bewahren wird.“

Der Abend wirkt wie eine Heiner-Müller-Paraphrase aus dem Hobbykeller der Dramatik. Auf der Bühne wird irgendwann behauptet, sie sei ein Bunker unter Feindesbeschuss – in einem Bunker nach dem 3. Weltkrieg hat Müller ja seine Texte verortet. Während er aber von der Bibel über die antike Tragödie, der brechtschen Fabel bis zum gesellschaftskritischen Realismus alles virtuos fragmentierte, um im Zusammenfügen der Materialfetzen all die Anlässe zu finden für das gegenseitige Abschlachten von Rassen, Klassen, Religionen und Geschlechtern, spielt Decars Dialogsimulation nur partyfidel kalauernd mit der Dramengeschichte und dem „grässlichen Fatalismus der Geschichte“ (Müller).

Nicht einmal für den naiven Wortwitz der Vorlage findet Mondtag eine szenische Entsprechung. Setzt schlicht emotionslos, statt erbarmungslos nüchtern wie Müller, mit gleichförmigem Spielduktus unterm faden Säuselklanggewand auf Form statt Inhalt. Beeindruckend konsequent. Theater im schönen Leerlauf. So ist der archaischen Moderne nicht beizukommen. Ein gehypter Autor und ein super gehypter Regisseur haben sich selbst auf Normalmaß gestutzt.