Die Detmolder Uraufführung von Maja Das Guptas "Logbuch: Sex?!"

Die Detmolder Uraufführung von Maja Das Guptas "Logbuch: Sex?!"

Adrian Thomser (Er), Claudia Mooz (Sie), Stefanie Pardula (A)

© Foto: Landestheater/Björn Klein
Schauspielkritik

Das erste Mal im Theater

von Jens Fischer

Maja Das Gupta: Logbuch: Sex?!

Premiere: 13.09.2013 (Uraufführung)
Landestheater Detmold
Homepage: http://www.landestheater-detmold.de

Regie: Claudia Göbel

Warst du schon mal mit …? Verhuschtes Gegnicker hier, ungebändigtes Losprusten dort. Tuscheliges Geraschel wird garniert durch mitfühlendes Schnaufen, abwehrende Stöhnerchen und Schleifgeräusche unruhig auf dem Stuhl hin und her rutschender Coolness. Das erste Mal im Theater. Für diesen besondern Anlass hat das Landestheater Detmold die Münchner Autorin Maja Das Gupta beauftragt, ein Verständigungsstück für die „Generation 14+“ zu schreiben.

Sexvideos sind immer nur wenige Klicks entfernt, knallharte Pornos auf dem Smartphone gespeichert, romantische Ideale verkleistern das Denken und es ist auch schon jemand über Facebook oder auf dem Schulhof in den Fokus geraten, bei dem man an- und rankommen möchte. Was nun? Ängste, Missverständnisse, Unsicherheiten und Fragen. Beispielsweise: Wie kann man sich selbst und einen Partner in diesen kribbeligen Erregungszustand versetzen, ihn bis zum Orgasmus treiben, das alles auch noch richtig dosieren, also herzrasende Geilheit in liebevollem Miteinander wunderbar genussvoll entspannen? Beschlafmechanik und Zuneigung im Doppelpack genießen, so sachlich wie im Logbuch, so überwältigend wie im Drogenrausch, das versucht die Uraufführung von „Logbuch: Sex?!“. Im Stil der Zeit kommt das Logbuch als Tablet-PC und Sex als Tanztheater daher. Aber der Reihe nach. Wer wirklich noch gar nicht so recht weiß, wer wann was wie wohin steckt beim allüberall so wichtig genommenen Rein-raus-Spiel, ist in diesem Ratgebertheater genau richtig. Alles wird mal behutsam deutlich ausgesprochen und der Illusion von Auskennerei mit Fakten begegnet. Für den eisgekühlten Wissenschaftsblick ist ein Alien (dem „Star wars“-Androiden C-3PO nachempfunden) als Spanner auf der Bühne. Im Auftrag seines Heimatplaneten soll er menschliche Fortpflanzung am lebenden Objekt im naturnahen Setting studieren. Im Bühnenmittelpunkt steht daher ein Bett, allerdings ein recht klobig-ungemütliches Modell. Drumherum, drunter und schließlich obendrauf begegnet sich das Modell-Pärchen: ein zum Verlieben süßes Verliebtheitsduo. „Mit dir kann man heute nicht reden“, beklagt der Schüchterne. „Dann küss mich doch“, fordert die Mutige. Neugieriges Aufeinanderzu. Gefühle füreinander bauschen sich stetig auf beim In-die-Augen-Schauen, Telefonieren, Chatten. Beide wollen immer mehr, mehr, mehr.

Nun schmeißt sich die Aufführung nicht enthemmt in die Situation, sondern bremst mit kapitelweise abgehakten Aufklärungsszenen. Im wissenschaftlich ausgenüchterten Biologiebuchdeutsch des Aliens ist einiges über Hormone, Geschlechtsteile, Verhütung, Onanie zu hören. Der Kampf zwischen Medienideal und Minderwertigkeitskomplexen klingt schon selbstironisch. Er bearbeitet mit Liegestützen seinen „Sixpack im Speckmantel“, sie beklagt einen „Hintern wie ein Elefant auf Diät“ und sortiert ihre Unterwäsche: Slips mit Pferdbildern gehen gar nicht mehr. Tanga? „Ich denke, es geht ums Anziehen? Wo ist denn der Stoff?“ Push-up-BHs? „Das ist geschummelt!“ Aber wenn der Traumboy anbeißt, ist Hochstapelei erlaubt? Balzdialoge werden vorgeführt, Top-Tipps zum Knutschen gegeben, Sexstellungen mit Barbie und Ken erklärt. „Die labern und labern“, ruft eine genervte Zuschauerin. Denn zu selten wird das erste Mal Theater. Ok, ein Kondom spannt sie übern Gangschaltungsknauf des elterlichen Autos, um schon mal den Geschmack leckend zu testen. So ein Art Strip-Poker wird angedeutet, auch mal Romeo-und-Julia-Poesie probiert. Beschlafrhythmen und Sexlyrics der Barock- und Popmusik sind zu hören und per Kissenschlacht werden die Körper in den Verschlingungsmodus transferiert. Der Praxistest selbst kommt als kontaktimprovisatorisches Kinderballett zur Aufführung. Was wirklich abgeht, berichtet das Alien als Sexreporter, bis seine Schaltkreise glühen und Sicherungen durchbrennen. Über den schwänzlich baumelnden Anhang des Mannes wird ins Logbuch notiert: „Versteifung der Kabelvorrichtung.“ Ein Stecker! „Während die Buchse… Aufnahmeflüssigkeit erzeugt.“ Vielleicht ein Exportschlager für seinen Planeten. Auf alle Fälle ein Grund, auf der Erde zu verweilen: „Bleiben um zu kommen.“ Diese orgiastische Doppeldeutigkeit ist dann auch der Witz-Höhepunkt der Aufführung, die mit den Spieltrieben, die dem Thema innewohnen, viel zu wenig anfangen kann.