Frank Damerius und Michael Hochstrasser in "Damals wurde es irgendwie heller".

Frank Damerius und Michael Hochstrasser in "Damals wurde es irgendwie heller".

© Foto: Marion Bührle
Schauspielkritik

Stuben-Gladiatoren

von Dieter Stoll

Lukas Hammerstein: Damals wurde es irgendwie heller

Premiere: 09.12.2011 (Uraufführung)
Staatstheater Nürnberg
Homepage: http://www.staatstheater-nuernberg.de

Regie: Kathrin Mädler

Auf dem Dach der Hochhaus-Ruine, dicht an der Kante zum Abgrund, standen die beiden Herren mit dem Karriere-Knick schon mal im Vorjahr. Jetzt sind sie einen Schritt weiter. Was damals, bei der Szenen-Sammlung „Paradiesische Zustände“ zur Eröffnung des neuen Nürnberger Schauspielhauses, wie ein fixierter Kenner-Blick auf die vielfach abgewatschten Altachtundsechziger samt ihrer verläpperten Aufbruchstimmungsmache wirkte, bekommt nun Hintergrund. Autor Lukas Hammerstein hat ihn im Auftrag des Staatstheaters abendfüllend nachgeliefert. Wie den gegensätzlichen Freunden, die er mit „Er“ und „Ich“ in ein künstliches Anonymitäts-Koma samt vieldeutigen Schwindelgefühlen versetzte, öffnet er jedoch dem ganzen Stück „Damals wurde es irgendwie heller“ den Fluchtweg ins Private. Es ist schon eher ein Trampelpfad für Burnout-Syndrome – aber die Uraufführungs-Inszenierung von Kathrin Mädler kümmert der Marschbefehl glücklicherweise nicht, sie lässt die Depressionen tanzen.

„Da ist er ja“, sagen die Hinterbliebenen mit Blick in die Urne und husten einen letzten Gruß in die Asche. Merke: Schwarzer Humor ist irgendwie progressiv. „Er“ war Idealist und ein Linker, wollte die Welt als Politiker verbessern und scheiterte an dicker Luft und dünnen Kompromissen in den Hinterzimmern der Macht. Auf den Ruf fürs Comeback wartete er dann so vergeblich wie auf die Rückkehr seiner Frau, die auf der Flucht vor dem Alltag der Institutionen wohltätig durch die Welt reist. Auch der Freund aus Studienzeiten, der „Ich“-Mann, hat ein Auge auf das unsichtbar bleibende Teufelsweib geworfen. Er ist der wandelnde Gegenpol, lässt sich gelassen einen Nazi nennen, „Fascho“ war damals ja das Mindeste, und macht Millionen-Geschäfte als Unternehmensberater, bis er seine Berufung als „Angsttherapeut“ findet. Per Stationen-Rückblende sieht der Zuschauer das Scheitern auf allen Ebenen. Kein Grund zur Panik, sie wollten halt spielen.

Lukas Hammerstein, Radio-Freunden auch als BR-Moderator des Formats „Jazz & Politik“ bekannt, hangelt sich mit wortgewandter Ironie und gedämpftem Sarkasmus an der realitätsnah fabulierten Story entlang. Seine Figuren drängen nach oben oder nur „hoch hinaus“, empfinden Stille als „die Brandung des Nichts“, denken an die Sprengung von Opern- und Steakhäusern und haben „die besseren Antworten“ auf Fragen, die niemand stellte. Das ist mit vielen klingend-klingelnden Namen so schrebergärtnerisch penibel in der erinnerten BRD-Realität eingepflanzt, dass man den Autor fast einen Realo schimpfen möchte.

Regisseurin Kathrin Mädler geht ihm aber nicht auf den Leim. Sie löst mit Hilfe von Frank Alberts dreifach gestaffeltem Gefühlsraum die Text-Lawine in Traum und Trauma auf. Klischees verwandeln sich da augenzwinkernd in Zeitgeist-Signale, wo die Mode-Koalition von Palästinensertuch und Turnschuh mehr Wirklichkeit zeigt als jedes Parteiprogramm. Regen prasselt an die Glasfront, kalter Dampf quillt aus den Ritzen und die Disco wird zur etwas überstrapazierten Nachhall-Kathedrale der Reform-Gläubigen. Frank Damerius („Er“, gescheitert als Idealist und Liebhaber) und Michael Hochstrasser („Ich“, der emotional verkümmerte Konservative) zappeln im ätzenden Dialog-Qualm großartig pointiert um Bedeutungs-Reste von Mittfünfzigern. Schemenhafte Stuben-Gladiatoren der softigen System-Schlacht. Tanja Kübler, Anna Keil und Thomas L. Dietz sind präzise Sparringspartner beim Schattenboxen. „Früher hatten wir Ideale“, seufzt einer. Dass mancher Zuschauer dabei an „Früher war mehr Lametta“ denkt, ist wirklich kein Schaden.