Theater in Tarnfarbe am Schauspiel Leipzig: „Wolokolamsker Chaussee“

Theater in Tarnfarbe am Schauspiel Leipzig: „Wolokolamsker Chaussee“

© Foto: Rolf Arnold
Schauspielkritik

Doppelbruch

von Ute Grundmann

Heiner Müller: Wolokolamsker Chaussee I-V

Premiere: 10.10.2014
Schauspiel Leipzig
Homepage: http://www.schauspiel-leipzig.de

Regie: Philipp Preuss

Panzer – in alten, flackernden Kriegswochenschauen, mit der Siegesfahne auf dem Brandenburger Tor. Panzer – in Worten, wie sie befreien, aber auch Hoffnungen niederwalzen, 1953, 1968. Und am Ende ein Plastikpanzer, dem langsam, aber sicher die Luft ausgeht. Die Panzer sind ein Leitmotiv, unter dem Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Leipziger Schauspiels Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee I – V“ inszeniert hat. 1989 hatte das Stück schon einmal Premiere im Leipziger Theater, mitten in der Wendezeit, auch das ist hier mitgedacht.

Der Bühnenraum (Ramallah Aubrecht) dazu ist ebenso in Tarnfarben getaucht wie die Uniformen der sechs Schauspieler (Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petkovic, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt, Sebastian Tessenow). Sie stehen zu Beginn mit den Gesichtern zur Wand, marschieren, skandieren die Angst der russischen Soldaten im Wald, Angst vor dem nächsten Angriff, Angst vor den Deutschen, die da kommen werden. Zwischendurch stimmen sie immer wieder „Lili Marleen“ an, bis das Lied nur noch zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorgepresst wird. Hier wie in den anderen Szenen vervielfältigt die Regie die prototypischen Lebensläufe, verallgemeinert und verfremdet sie, lässt den Text mal chorisch, mal zu zweit oder dritt sprechen. Und bevor im Juni 1953 wieder die Panzer rollen, mimen die Schauspieler mit Quietsche-Tönen eine Jam-Session, wird das Gespräch zwischen Direktor und Arbeiter, der nicht Ingenieur werden will, als Furz-Duett ausgetragen. Solche Einfälle machen mal weniger Sinn, mal mehr, etwa wenn die Figuren im Marschtritt mal gestreckten Arm, mal die Faust recken und sich zu einem Stern aus blutigen Körper hinlegen. Und auch die bittere Szene, die das Jahr 1968 symbolisiert, funktioniert beeindruckend: Die anklagenden Fragen des Sohnes, dem der beste Freund an der Mauer erschossen, wurde, an den Vater, der nur zurückfragt „Was weißt Du schon?“ So unterstreicht die Regie ohne Zeigefinger die meist immer noch überzeugenden Texte, bis Philipp Preuss, ab der Spielzeit 2015/2016 Hausregisseur am Schauspiel Leipzig, das Ganze gleich zweimal bricht.

Da lauschen zunächst die Schauspieler, bei reichlich Zigarrenqualm und Whiskey, der Stimme Heiner Müllers, der bei einer Lesung über seine gemeißelten Merksätze selbst in Kichern gerät. Und dann kommen die Konsumterror-Puppen: Die Schauspieler schlüpfen in schwarze Plüschanzüge und Maskenköpfe, bringen Shopping-Tüten mit. Doch statt das als kurze, pfiffige Schluss-Pointe zu setzen, walzt die Inszenierung DDR-, Vopo- und Stasi-Witze so lange aus, bis wirklich niemand auch nur mehr schmunzelt. Maulend sammeln die Puppen die ins Publikum verteilen Konsumgüter wieder ein und per Einblendung erfährt der Zuschauer noch „Nicht alles war schlecht im Kapitalismus“. Aha.