Sebastian Nakajew

Sebastian Nakajew

© Foto: Ilja Mess
Schauspielkritik

Schwer zu ertragen

von Ute Grundmann

Neil LaBute: Das vierte Reich

Premiere: 03.10.2017
Deutsches Nationaltheater Weimar
Homepage: http://www.nationaltheater-weimar.de

Regie: Swaantje Lena Kleff

Der Mann bewundert Adolf Hitler, den Maler und auch seine Gedanken findet er sehr lesenswert. Naja, den Krieg hat er verloren, aber... Zunächst glaubt man seinen Ohren nicht zu trauen ob solcher Sätze, aber der „Mann“, wie er nur genannt wird, sagt und meint das ganz genauso und sucht dabei die Zustimmung seiner Zuhörer. Die sitzen in der kleinen Studiobühne hoch unterm Dach des Deutschen Nationaltheaters Weimar, wo Swaantje Lena Kleff Neil LaButes „Das vierte Reich“ inszeniert hat. Es ist ein Auftragswerk des TAK Theater Liechtenstein, wo es Mitte September uraufgeführt wurde, in dessen Koproduktion stieg das DNT ein.

Wenn das Publikum hereinkommt, sitzt der Mann (Sebastian Nakajew) schon in seinem blauen Sessel, einen Laptop auf dem Schoß, ein Tischchen mit einem kleinen Landschaftsgemälde neben sich, gefällige Klaviermusik perlt. Dann beginnt er unvermittelt seinen Monolog: „Lassen Sie mich mal eine Sache klarstellen, Hitler hat verloren, ja, is so.“ Einer der meistverleumdesten Menschen sei der, mit sehr schlechter Presse. Doch da steht kein Stammtischtyp auf der Bühne, keine rechte Dumpfbacke, sondern ein junger, erst mal sympathischer junger Mann, konservativ in Hemd, Hose und Pullunder gekleidet. Er wird auch nicht laut oder grob, bleibt immer freundlich, auch wenn er von dem „Holocaust-Zeug“ redet, die Alliierten verhöhnt, die nach 70 Jahren immer noch Weltkrieg spielten, verhohnepipelt mit französischem Akzent die Resistance.

Dieser Mann in Neil LaButes 30-Minuten-Monolog verschweigt vordergründig nichts, gewichtet aber nach seiner Überzeugung und Ideologie Fakten und Akzente um. Das ist zum Teil schwer zu ertragen, etwa wenn er die ermordeten Juden perfide und heikel zugleich die „heiligen sechs Millionen“ nennt und die Parallele zum Mord an den amerikanischen Indianern zieht. Er selbst ist Amerikaner und wenn er die USA das Land der freien Gedanken nennt, gibt’s den einzigen Lacher des Abends. Dann aber schleicht sich in das Unbehagen des Zuschauers der Gedanke an die „fake news“ à la Trump, an die Geschichtsklitterung einer AfD, die mit einer „Das darf man doch wohl wieder sagen“-Haltung ihr Gedankengut wieder hoffähig machen will.

Ist es das, was LaBute mit seinem Stück will? Scharfsichtig machen für die Verdrehung und Ausnutzung der Geschichte, für die Lügengebäude, die unverfroren aufgebaut werden? Zum Glück verkneift sich die junge Regisseurin Swaantje Lena Kleff jeden Hinweis auf mögliche Parallelen, lässt den Text wirken und darüber nachdenken, inszeniert das Solo stringent und fokussiert. Und Sebastian Nakajew ist sehr überzeugend, wenn er um die Zustimmung des Publikums buhlt: „Sie als Deutsche wissen doch, was ich meine, gerade hier (in Weimar).“ Manchmal gerät er ein bißchen ins Dozieren, aber ohne Zeigefinger, variiert seinen „tiefen, andauernden Respekt“ vor dem Menschen Adolf Hitler. Am Ende rückt er das kleine, angeblich von Hitler gemalte, Landschaftsgemälde ins Licht („Sehen Sie genau hin“) und lässt die Zuschauer damit allein. Kurzes Zögern vor langem Beifall.