Schauspielkritik

Schwarze Pädagogik

von Stefan Michalzik

Klaas Huizing: In Schrebers Garten

Premiere: 19.02.2011
Mainfranken Theater Würzburg
Homepage: http://www.theaterwuerzburg.de

Regie: Bernhard Stengele

Der Orthopäde und Pädagoge Moritz Schreber ist als einer der geistigen Väter der auf repressiven Methoden gründenden ,,Schwarzen Pädagogik“ (Katharina Rutschky) im späten 19. Jahrhundert in die Erziehungswissenschaften eingegangen. Die von seinem Sohn Paul, einem erfolgreichen Juristen, nach dem eigenen Schicksal verfasste Schrift ,,Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“ hat Siegmund Freud bei der Entwicklung der Psychoanalyse herangezogen.

Der Würzbuger Theologieprofessor und Schriftsteller Klaas Huizing, Jahrgang 1958, lehnt sich mit der Dramatisierung seines auf das Jahr 2008 zurückgehenden Romans ,,In Schrebers Garten“ in einer fiktionalisierten Form eng an die verbürgten Familienverhältnisse an. Aus der Perspektive des Psychiatrieinsassen dringt Paul Schreber in die eigene Kindheit ein. Moritz Schreber hat als Bewunderer des Turnvaters Jahn die These vom gesunden Körper, in dem ein gesunder Geist steckt mit einer religionsgleichen Überzeugung verfochten. Er striezte seine Familie Apparaturen, die der Körperhaltung zuträglich sein oder eine nächtliche Masturbation verhindern sollten. Ob des autoritären Regiments entwickelte der Sohn später wahnhafte Vorstellungen; aus einer seinerseits autoritär geprägten Persönlichkeit suchte er im Überschreiten der Geschlechtergrenze einen Weg zur Freiheit.

Oberspielleiter Bernhard Stengele und Ausstatterin Gesine Pitzer haben den sehr dichten Dreiakter für die Uraufführung am Würzburger Mainfranken-Theater in die surrealistische Welt eines zum Sportexerzierplatz umgewidmeten bürgerlichen Wohnzimmers versetzt. Dem für die Aufführung zentralen Paar Christian Taubenheim und Georg Zeies als Paul und Moritz Schreber gelingt es, das Wahnhafte im Vater und die vital-bewussten Bestrebungen des vermeintlich Verrückten im Sohn gewärtig zu machen. Die Echos der Psyche gleichenden Klangbilder der auf Schiedsrichtertürmen postierten Musikerinnen Katia Bouscarrut und Milena Ivanova an Klavier und Cello leisten neben dem hervorragenden Ensemble einen gewichtigen Beitrag zu einer betroffenheitsfernen Eindrücklichkeit.