David Guy Kono in "Das Glitzern der Welt"

David Guy Kono in "Das Glitzern der Welt"

© Foto: Edi Szekely
Schauspielkritik

Wenn ich ein Turnschuh wär

von Bettina Weber

Kainkollektiv: Das Glitzern der Welt

Premiere: 27.11.2015 (Uraufführung)
Schauspiel Dortmund
Homepage: http://www.theaterdo.de/startseite

Regie: Fabian Lettow, Mirjam Schmuck

In was für einer Welt wollen wir eigentlich leben? Wer dieser Tage durch die bisweilen nervtötend blinkende Weihnachts-Einkaufswelt bummelt, oder vielmehr: hetzt, der kann sich das schon mal fragen. Konsum, wohin das Auge reicht. Heile Welt unter der kapitalistischen Käseglocke, während draußen das eigentliche Weltgeschehen tobt: Krieg, Flucht, Hunger.

In ihrem neuen Stück „Das Glitzern der Welt“ befragt Kainkollektiv, das Dortmunder Regieteam bestehend aus Fabian Lettow und Mirjam Schmuck, die Schattenseiten unserer kapitalistischen Lebensweise bzw. den Kontrast zur derzeit so präsenten Fluchtthematik. Entstanden ist eine partizipative Theaterperformance im öffentlichen Raum. Obwohl: Nicht ganz, der Startschuss immerhin fällt im intimen Theatersetting des „Instituts“ im Dortmunder Schauspielhaus, wo ich, wie meine übrigen fünf Mitstreiter (ja, nur sechs Teilnehmer pro Vorstellung), mit MP3-Player sowie Kopfhörern ausgestattet werde, über die mich bzw. uns die satte Stimme Carlos Lobos von nun an nicht nur zum Zuhören, sondern vor allem zum Handeln anregen wird und schnurstracks hinausführt in die Realität der Stadt. Zuschauerbeteiligung im Gaming-Format. Aktuelle Kontexte im geschützten Theaterraum assoziieren war gestern.

Und dieses partizipative Konzept ist zunächst so simpel wie wirkungsvoll: Der Weg führt uns in das Glitzern der Einkaufs-Welt von Dortmund. Wir alle sind Auserwählte, so der Rahmen der Geschichte, und befinden uns kurz vor der Ausreise. Vorher gilt es jedoch, Aufgaben zu erfüllen: sich von der Gruppe absetzen, konsumieren, mitschwimmen im Strom der von Geschäft zu Geschäft pilgernden Massen. Mehrfach fällt das Stichwort Kristallpalast, zu verstehen als Hinweis auf die sozialphilosophische Kristallpalast-Methapher Fjodor Dostojeskis. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts packte den Russen der Ekel, als er den Chrystal Palace in London erblickte. Für ihn symbolisierte dieses Gebäude das kapitalistische Gehäuse der Gesellschaft, wie es später wiederum Peter Sloterdijk in einer Globalisierungstheorie beschreibt. Zwischen bombastischen Weihnachtsbaumkugeln und halb sexy, halb tot wirkenden Schaufensterpuppen kann einem heute erst recht schlecht werden. Abertausende Konsumgüter überwinden auf globalen Wegen tagtäglich problemlos die Grenzen, während sich den Menschen eine Hürde nach der anderen stellt. 

Wer Einwanderer nicht nur als neue Konsumenten, sondern auch als Veränderer unserer Gesellschaft sehen möchte, dem empfiehlt sich der Einblick in ihre Perspektive. Daher folgt auch in diesem Spiel nun der dramaturgisch logische Kurswechsel (eine Stunde Weihnachtsgeschäftewahnsinn reicht auch). Im fensterlosen Auto sitzend, werden wir ins Unbekannte gefahren. Die Ausreise? David Guy Kono alias Monsieur K., stark französischer Dialekt, öffnet die Tür, präsentiert sich als „unser Schlepper“. Bitte kein Betroffenheitstheater jetzt! Doch Monsieur K. handelt im grell leuchtenden Anzug (Ausstattung: Clara Hedwig) eher als Showmaster. Die wild gestikulierten Geschichten über sein Herkunftsland Kamerun fordern inmitten einer industriellen Wasserkulisse unsere Phantasie ein. Ihm zuzusehen und zuzuhören macht Spaß, auch wenn wegen der schwierigen akustischen Verhältnisse sicher manches auf der Strecke bleibt. In einem schnöden Kellerraum vollzieht er ein kultisches Totenritual (mit unseren persönlichen Daten, die wir preisgeben mussten), fragt uns ganz konkret, wie wir zusammen leben wollen. Doch unsere Antworten verpuffen: den Toten gefallen sie nicht, die Zeit drängt, wir müssen weiter. Und nun? Auf den letzten Metern werden Texteinspielung und Setting stark assoziativ bis undurchdringlich. Im Auto (oder ist es doch ein Schiff?) fahren wir, bewegte Höllenbilder (Video: Nils Voges) auf einem Display betrachtend, bis unsere Reise relativ jäh endet.

„Das Glitzern der Welt“ möchte offenbar keine Antworten geben, vielmehr Fragen stellen. Das gelingt auch überwiegend schlüssig, berückend, durchscheinend. Mittels der Zuschauerpartizipation wird (abgesehen vom Wirkungsverlust durch manche technische Kniffligkeit während der Presse-Voraufführung, die eher eine Probe war) die Selbstreflexion der Teilnehmer sicherlich befeuert. Anregend ist das Format, die verhandelten Inhalte bringen derweil nicht unbedingt einen Erkenntnisgewinn. Wie sangen Die Goldenen Zitronen schon 2006: „Über euer scheiß Mittelmeer käm’ ich, wenn ich ein Turnschuh wär. Oder als Flachbild-Scheiß – ich hätte wenigstens einen Preis.“