Sebastian Reck und Julia Schubert in "An kalten Tagen bitte Türen schließen" am Theater Magdeburg.

Sebastian Reck und Julia Schubert in "An kalten Tagen bitte Türen schließen" am Theater Magdeburg.

© Foto: Nilz Böhme
Schauspielkritik

Zwischen Ankommen und Fortgehen

von Ute Grundmann

Kai Ivo Baulitz: An kalten Tagen bitte Türen schließen

Premiere: 04.02.2011
Theater Magdeburg
Homepage: http://www.theater-magdeburg.de

Regie: Enrico Stolzenburg

Caro hat ihre Kinder „natürlich zum Teil lieb“, aber schon ihre Stimmen machen sie krank. Jerome ist ein weltgewandter Pianist, dessen Konzertreisen nur noch nach Kaiserlautern führen. Mit diesen Beschädigungen im Gepäck kommen sie bei Caros Mutter Betty an, die ihre Ostseeinsel zum ersten Mal für eine Flugreise verlassen will. Eine fröhliche Abschiedsfeier für die Reisende soll es werden, doch alte Wunden, vergessene Träume, neue Rivalitäten kommen zum Vorschein.

Für die Uraufführung von Kai Ivo Baulitz‘ Stück „An kalten Tagen bitte Türen schließen“ im Magdeburger Schauspiel-Studio hat Doris Dziersk ein treffendes Bühnenbild entworfen. Ein deutscher Tannenwald, doch die Bäume sind aus hellen Lattenstücken zusammengesetzt, sperrig, karg, zwischen ihnen kann man sich anschleichen, verstecken oder verirren.

Baulitz‘ Stück ist als Auftragswerk aus einem Workshop mit den Schauspielern und dem Inszenierungsteam um Regisseur Enrico Stolzenburg entstanden. Die Themen Zuhause, Fortgehen oder Heimkommen sind an vier Personen festgemacht (als fünfte gibt Maria Hinze als Musiklehrerin Töne als Akzente dazu). Caro (Julia Schubert) und Jerome (Bastian Reiber) streiten schon, als sie ihre Koffer durch den Wald schleppen; wenn Mutter Betty (Isolde Kühn) ihre Tochter anblafft, „dein Zimmer wirst du ja noch finden“, weiß man, wie lange sie nicht da war. Der Vater hatte sich mit dem Schlauchboot in den Westen davongemacht, es kann eine Flucht vor dem Staat oder vor der Frau gewesen sein. Der Arzt Kutzim (Sebastian Reck) schließlich ist nach langem Reisen auf der Insel angekommen und wird seine Erinnerungen an die kleine Caro nicht los.

Was eine große Familientragödie sein könnte, kommt hier zum Glück in leisen Tönen und dichten Szenen daher. Streit, Rivalität, Lebensleere werden in kurzen Sätzen mit gemeinen Widerhaken ausgehandelt, Verletzungen wie beiläufig beigebracht, Enttäuschungen aber auch mal in einer Art Voodoo-Tanz ausgedrückt werden. Das Caro außerdem schwer krank ist (oder sein soll), ist fast schon zuviel, aber das Stück mit seinen klug verschlungenen Themen und die Inszenierung halten das aus. Das ergibt 90 intensive, berührende Theaterminuten, an deren Ende zwei die Insel wieder verlassen – aber andere als die, die angekommen waren.