Max Landgrebe (Gerhard Fließ) und Johanna Geißler (Jule Fließ-Weiland)

Max Landgrebe (Gerhard Fließ) und Johanna Geißler (Jule Fließ-Weiland)

© Foto: Luca Abbiento
Schauspielkritik

Krieg ohne Schlacht

von Michael Laages

Nach Juli Zeh: Unterleuten

Premiere: 18.11.2017 (Uraufführung)
Deutsches Nationaltheater Weimar
Homepage: http://www.nationaltheater-weimar.de

Regie: Jenke Nordalm

Zu erwarten war das ja – deutlich andere Wirkungen im zumindest formal sehr ambitionierten Roman waren garantiert auf der Bühne. Die Dorf-Dramen aus und um „Unterleuten“, diese fiktive Gemeinde im entlegensten Winkel der brandenburgischen Prignitz, hatte die Autorin Juli Zeh aus immerhin sechs Perspektiven erzählt, aus der Sicht von so viel handelnden Personen fächert sich im Roman die Geschichte um ganz neue Windräder und ziemlich alte Kampfzonen zwischen den Bewohnern auf. Schon das fiele im Theater schwer; und das Inszenierungsteam am Nationaltheater in Weimar, am ersten von zunächst drei Versuchsorten für „Unterleuten“, hat dieses Risiko verständlicherweise gescheut. Dramaturgin Beate Seidel und Regisseurin Jenke Nordalm setzen auf eine Erzählerin: auf die jüngste im teilweise tödlichen Spiel, auf Krönchen, die Enkelin des alten Dorfkommunisten Kron. Mit ihr, mag das Team sich gedacht haben, ist das Maximum an Distanz zu schaffen; immerhin hat Krönchen Unterleuten lange hinter sich, hat in China studiert und Start-up-Erfahrung gesammelt in der neuen, weiten West-Welt. Sie staunt beim Blick auf Unterleuten – und soll uns Staunen machen.

Auch mit anderen Entscheidungen allerdings tut sich Weimar eher schwer. Ausführlich, fast den ganzen ersten (und merklich länglichen) Teil hindurch, bleibt die Verdichtung für die Bühne auf den Oberflächen-Plot konzentriert: den Streit um Windräder, die ökologisch korrekt sein mögen, ansonsten aber vor allem stören – den freien Blick bis zum Horizont, einen seltenen und sorgsam geschützten Vogel sowie vor allem den Waffenstillstand zwischen den seit der Wende unversöhnten Fraktionen im Dorf. Die Strom-Mühlen sind ja nur Auslöser, Katalysatoren für den neuen Blick auf die alten Leichen im Keller. Idyllisch jedenfalls ist nichts unter Leuten wie diesen; der zweite Teil in Weimar gibt sich immerhin redlich Mühe, noch die entlegeneren Winkel von Schmutz und Schrecken auszuleuchten – was spürbar auf Kosten der Stringenz von Handlung und Dynamik geht.

Immerhin kommt im wachsenden Inferno der scheiternden Dörfler ein zugereister Wessi im Auto zu Tode, ein weiterer zugereister und bis dato friedlicher Vogelschützer schlägt den nervenden Ost-Nachtbarn halb tot; Gombrowski, der reichste Mann im Ort, Strippenzieher, Wendegewinnler und ewiger Gegenspieler des Alt-Linken Kron, öffnet sich die Adern in den Tiefen der örtlichen Wasserversorgung (denn das Dorf soll von nun an sein Blut trinken!), die Gattin flieht, die alte Freundin, allein mit zwanzig Katzen, endet in der Klappse.

Die Schollen sind umgegraben am Schluss, und die Windräder sind da; ganz anders aber als zunächst geplant. Gewonnen hat niemand; außer vielleicht Krönchen, die irgendwann gut erben wird – das Panorama der Zerstörung birgt Zukunft (wie sie auf den Bannern beschworen wird, die zu Beginn im Rund der kreisenden Bühne stehen) erst für die Generationen danach. Auch darum erzählt die Jüngste – von Dingen, die sie kaum je selbst erlebt hat.

Redlich und gediegen geht Jenke Nordalm in Weimar zu Werke; zu redlich, zu gediegen. Schon der Roman neigt ja zur Breite, trotz der vielen Perspektiven. Womöglich wäre für die Bühne auch mehr eigene Autorenschaft hilfreich – in Weimar jedenfalls klingt der Text über weite Strecken stark nach Papier, die Rollenprosa arbeitet eher Themen und Ereignisse ab als lebendig zu werden fürs vielköpfige Ensemble. Und auch wenn gleich zu Beginn ein fundamentales Gewitter losbricht (das eine wichtige Rolle spielt für die verborgenen Dramen in „Unterleuten“), donnert, blitzt und funkelt das Weimarer Spiel in der Folge viel zu selten. Das liegt auch am Ensemble, das vielleicht noch nicht die Freiheit gewonnen hat, den Schrecken schrecklich und das Ungesagte unerträglich werden zu lassen. Trotz allem Kleinkrieg der Bürger tobt in Unterleuten eben doch keine Schlacht.

Bonns Schauspiel unternimmt den nächsten Versuch; Juli Zeh stammt von dort, und als Regisseur zeichnet mit Jan Neumann einer verantwortlich, der auch selber Autor ist. Das könnte nützen. Im neuen Jahr dann kommt die Dorfgeschichte dort an, wo sie her kommt und also hin gehört: in Brandenburg und dessen Hauptstadt Potsdam.