Ensembleszene

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© Foto: Thomas Aurin
Schauspielkritik

Spiel ohne Grenzen

von Detlev Baur

Johann Wolfgang von Goethe: Faust

Premiere: 03.03.2017
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Homepage: http://www.volksbuehne-berlin.de

Regie: Frank Castorf

 

Sieben Stunden, 14 Darsteller, eine Drehbühne mit einem kompakten Pariser Faust-Komplex von Aleksandar Denic und zwei Kameras im fast durchgehenden Live-Einsatz – das sind im Großen und Ganzen die Rahmendaten zu Frank Castorfs Inszenierung von Goethes „Faust“. Dazu kommen noch große Partien aus Emile Zolas „Nana“-Roman um eine unbegabte, dafür freizügige Darstellerin und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und seinen kriegerischen Folgen, vornehmlich am Beispiel Algerien. Denn, wie gesagt, Schauplatz von Castorfs großer Ausstandsinszenierung an der Volksbühne ist Paris. Die Métro-Station Stalingrad lockt in die Bühnenunterwelt, aus der des längeren per Film U-Bahn-Reisen projiziert werden, dazwischen gibt es ein großes Etablissement namens „L’enfer“ (Hölle), verborgene Salons und Hinterhöfe.

Doch zunächst – oder jedenfalls nach einer halben Stunde – darf Chris Dercon, Castorfs wenig geliebter Nachfolger, schon mal ran. Alexander Scheer gibt den flämisierenden Mann von Welt im sandfarbenen Anzug, der als Theaterdirektor Bier über den Kopf geschüttet bekommt und weniger provinzielle Unterhaltung zu produzieren gedenkt. Das ist gemein, trifft aber natürlich auch die Diskussionen im Vorspiel auf dem Theater recht genau. Zuvor wird von der auf dem Tresen einer Spelunke im Bühneninneren liegenden Valery Tscheplanowa auf deutsch dem Chanson gehuldigt: „Verlass mich nicht“. Nana trifft da schon mal in einer Gestalt auf Gretchen und die Euphorion-Mutter Helena; ein Homunculus-Baby im Einmachglas in Händen Tscheplanowas wird dann zum Zankapfel mit einer anderen zwielichtigen Frau. Hier verbindet Castorf gleich zu Beginn die beiden Faustteile virtuos miteinander. Die Verbindung der Schauspieler mit den Rollen bleibt dabei durchgehend flexibel, bei Lars Rudolph oder Alexander Scheer sind viele Faust-Gestalten, aber keine eindeutige Figur festzumachen. Alles wirkt in Castorfs Faust-Stadt provisorisch, improvisiert, dabei durchdacht, oft komisch und auch tief schürfend.

Die Spelunken-Szene ist, wie ein großer Teil der Aufführung, nur über Live-Bilder auf großer Leinwand am Gebäude zu sehen. Auch ist da schon ein sehr alter, lüsterner Mann zu sehen, der erst nach Abziehen der Maske als Martin Wuttke zu erkennen ist. Diese Faust-Figur hat in den folgenden drei Stunden auch sehr lange Pausen, während derer  Marc Hosemanns bellender, aber auch gerne französisch parlierender Mephisto oder Lars Rudolphs spintisierender Wagner das Spiel weiter bringen oder eher im Kreis drehen lassen, bis hin zu langen Passagen über Frauen als Terror bringende Engel im von der Kolonialmacht Frankreich unterdrückten Algerien. Auch diese zunächst versponnen wirkende Abirrung der Produktion hat ihren Sinn in Castorfs Lesart des „Faust“, vornehmlich des zweiten Teils. Über weite Strecken ist dieser „Faust“ eine ewige Walpurgisnacht, beginnend mit skurrilen, dem großstädtischen Alltag entsprungenen Gestalten in der U-Bahn. Das eigentlich unaufführbare Lesedrama des Geheimrats aus Weimar scheint Castorf gerade recht zu kommen, für sein uferloses Spiel von Assoziationen über Geschichte und menschliche Abgründe. Die Dichtung wird hier zum Ereignis, zum Spiel ohne Grenzen.

Einerseits konzentrieren sich die Inszenierung und ihr Hauptdarsteller auf den alten, notgeilen Mann. Den Weltenforscher und späteren Tatmenschen lassen sie dabei eher unbearbeitet. Castorf verkürzt einerseits also den Blick wie das Gounod in seiner (erst in Stuttgart von Castorf inszenierten) Oper tut, auch bei Gretchen oder Helena auf die unsolide Soubrette. Gleichzeitig weitet Castorf ihn zu einem Blick auf die Weltstadt Paris, deren kolonialistische Abgründe und auch ihre Parallelen und Beziehungen zum preußischen Berlin. Das ist allemal verwirrend und kann auch zuweilen etwas zäh erscheinen. Insgesamt ist dieser „Faust“ aber wieder ganz großes, entspanntes und zugleich die Darsteller verausgabendes Theater.

Nach etwa drei Stunden bringt Sophie Rois als Salon-Hexe neuen Schwung in das Spiel. Zusammen mit Martin Wuttke spielt sie erste Szenen des „Faust“ wie Wagner-Szene und Osterpaziergang als komisches und ganz konzentriertes Sprechtheater vor dem Schauplatz der „Hölle“, eine der eher wenigen Szenen ohne Live-Kamera. Das Zusammenspiel von Rois und Wuttke bietet umwerfendes Schauspielertheater. Nun bekennt sich Faust als Tor, spielt dabei aber weniger den Forscher und mehr den Mann im fortgeschrittenen Alter.

Bliebe noch viel zu erzählen. Das assoziative Denktheater Castorfs lässt enorm viel aus am Faust-Stoff, der von der Volksbühne versprochene Neokapitalist Faust taucht eigentlich gar nicht auf. Eine Fortführung des „Faust“ durch Castorf ist ebenso denkbar wie eine Weiterführung von Motiven in ganz anderen Kontexten. An der Volksbühne ist die Ära bald zu Ende, auf der Höhe ihrer Kunst. All das wird auch angespielt. Mit Dercon, mit ironischen Verweisen auf das frauenfeindliche Spiel an der Volksbühne. Mit kokettierenden Verweisen auf das Nicht-Aufhören-Können von Faust, Goethe und Castorf. Nun aber erst einmal Schluss! Mehr dann im Mai-Heft der DEUTSCHEN BÜHNE.