Schauspielkritik

Treppenklettern vor der Unterwelt

von Stefan Michalzik

Jean Cocteau: Orphée

Premiere: 12.02.2011
Schauspiel Frankfurt
Homepage: http://www.schauspielfrankfurt.de

Regie: Michael Simon

Der französische Dramatiker, Filmregisseur und Zeichner Jean Cocteau hat seinen auf das Jahr 1949 zurückgehenden Film ,,Orphée“ ungeachtet einer surrealistischen Bildwelt für ein dem Realismus verpflichtetes Werk erklärt. Es ist ein modernes Frankreich, in das er den antiken Mythos um Orpheus und Eurydike übertragen hat. Orphée, ein berühmter, bei einem großen Publikum erfolgreicher Dichter, steckt in einem kreativen Loch. Der Anerkennung in den Kreisen der Poeten ist er verlustig gegangen; als vor seinen Augen der hochtalentierte junge Dichter Cégeste bei einem Unfall sirbt, folgt er einer mysteriösen Prinzessin, die sich als eine Verkörperung des Todes entpuppt. Nachdem auch seine vernachlässigte schwangere Ehefrau Eurydike umkommt, wechselt Orphée unter der Obhut eines Engels in eine Welt hinter den Spiegeln, wo vor einem Gericht der bekannte Handel abgeschlossen wird, nach dem er Eurydike wieder aus der Unterwelt zurückholen darf, unter der Auflage, sie nie wieder anzusehen.

Die Geschichte ist konstruiert, und das noch nicht einmal sonderlich schlüssig. Der Regisseur und Bühnenbildner Michael Simon hat für seine Theateradaption des Drehbuchs im Bockenheimer Depot, einem Spielort des Frankfurter Schauspiels, eine Treppe mit hüfthohen Stufen in einem leuchtfarbenen Klecksdekor geschaffen. Mit formstrengen, retroavantgardistisch anmutenden schwarzweißen Anzügen und schwarzhaarigen Perücken angetane Figuren sagen in einer nachgerade hörspielhaften Weise Text daher und sie sind ständig damit beschäftigt, die Stufen zu erklimmen oder daran herabzugleiten. Nicola Gründel als Eurydike stürzt einmal in Zeitlupe die ganze Treppe hinab.

In einem weiteren filmischen Effekt tut sich schließlich die hinter der Treppe liegende Unterwelt auf, eine räumlich tiefe, nebeldurchwallte Finsternis, die mit einem Wald aus skulpturalen schwarzen Pfählen bestanden ist.

Weshalb Michael Simon den Stoff aufgegriffen hat, das bleibt so nebulös verhangen wie seine Unterwelt. Das Bestreben, starke Bilder in einer auf den Surrealismus bezogenen Sprache zu finden, ist offenkundig. Doch es wirkt alles in einer bemerkenswerten Weise zusammengequirlt. Als Sauce wird noch die Musik von Nick Cave drüber gekippt, gesungen von dem ausstrahlungsarm durch die Szenen taumelnden Orphéedarsteller Viktor Tremmel, dem es tatsächlich gelingt, den so beredt von den existenziellen Dingen kündenden Cave in Bravheit zu verkehren. So schleierhaft die Absichten Simons auch bleiben: Ein ernstliches Rätsel lässt sich dahinter nicht vermuten.