Thomas Halle in "Ich bereue nichts"

Thomas Halle in "Ich bereue nichts"

© Foto: Felix Grünschloß, Staatstheater Karlsruhe
Schauspielkritik

Dringliche Fragezeichen

von Andreas Falentin

Jan-Christoph Gockel. Thomas Halle & Konstantin Küspert: Ich bereue nichts. Ein NSA-Projekt

Premiere: 12.10.2014 (Uraufführung)
Staatstheater Karlsruhe
Homepage: http://www.staatstheater.karlsruhe.de/

Regie: Jan-Christoph Gockel

Bisher haben die Bühnen der Republik um Edward Snowden und den NSA-Skandal größtenteils einen Bogen gemacht. Wie kann man die offenbar sogar progressive totale Überwachung auch zu Theater machen? Was sind die Bilder, ist das Bild für diesen bedrohlichen, so abstrakt wirkenden Themenkomplex? Gibt es das überhaupt? Diese Fragestellung wird gleich zu Beginn als Leitmotiv eines bemerkenswert stimmigen Abends etabliert, in dem es vor allem um Haltung geht. Die von Edward Snowden, die des Schauspielers Thomas Halle, vor allem aber die jedes Einzelnen, in- und außerhalb des Publikums.

„Ich bereue nichts“ ist ein Rechercheprojekt, wie es eigentlich innerhalb von Stadttheaterstrukturen kaum denkbar ist. Das Staatstheater Karlsruhe hat den Regisseur Jan-Christoph Gockel, den Dramaturgen Konstantin Küspert und Thomas Halle ein halbes Jahr lang auf Reisen geschickt, durchs Internet und zu Ströbele, von Mannheim bis Berlin. So entstanden Ideen und Text, die in nicht mal zwei Wochen Proben bühnenfertig gemacht wurden. Das Ergebnis ist klug, sinnlich und unbequem, die für das Thema (nicht nur wut-)entflammten Herzen der Macher wirken als Verstärker.

Die Präsentation ist puristisch. Im Foyer vermittelt eine 18-Monats-Timeline sachlich die Fakten. Die noch im Spielzeitheft angekündigten Video-Projektionen fehlen ersatzlos. Vor die schwarze Wand des Studios hat Julia Kurzweg vier mit Neonleuchten bestückte Rahmen gestellt, Abstraktionen der barocken Kulissenbühne, die theatralische Form behaupten, was durch die Performance von Thomas Halle geradezu glückhaft eingelöst wird. Halle beginnt von einem Garderobenspiegel am Rand aus und gleitet, über die erwähnte Frage, behutsam in die Biographie Edward Snowdens und in die Beschreibung und Bewertung der allgemeinen Bedrohung. Auf diesen beiden Ebenen laufen die 85 Minuten ab. Wie kam es zu Snowdens Erweckung oder Sündenfall, was passiert eigentlich da um uns und mit uns und wie müssen, sollen, können wir uns verhalten?

Halle erzählt verwundert von seinem Gespräch mit Snowden-Gesprächspartner Ströbele, ohne dessen Glauben an die Heilkraft parlamentarischer Demokratie zu teilen. Er versucht, den Glanz und die Problematik von e-mail-Verschlüsselung zu erklären, in dem er eine Ritterrüstung anlegt, Rüstungsteile ans Publikum verteilt und dann einzelne Zuschauer umarmt: „Ich spüre nichts.“

Der Schauspieler wird zum Gorilla mit Laptop – was für ein Bild des heutigen Menschen! – zu Don Quixote, zu Edward als Cowboy-Kind. Und der Schauspieler ist immer wieder auch einfach Thomas Halle, der Fotoalben ans Publikum ausgibt, die Edward Snowdens Leben genauso hintersinnig kommentieren wie die Entwicklung der Computer-Technologie. Und er ist Snowdens Freundin, die Poledancerin und Bloggerin, die nichts versteht und nichts verstehen will.

Die Bilder sind stark und nicht willkürlich. Die Leichtigkeit, mit der sie so unprätentiös serviert werden, mit den Raum durchquerenden Bühnenarbeitern und einer bei Bedarf wie selbstverständlich mitspielenden Souffleuse, erfreut und macht nachdenklich. Man muss sich doch eine Haltung zulegen, denkt man sich. Bingo!