"In einem dichten Birkenwald, Nebel" am Landestheater Detmold

"In einem dichten Birkenwald, Nebel" am Landestheater Detmold

Männer suchen Frauen suchen Hoffnung - zarttönendes Singen wider die Depression.

© Foto: Landestheater/Schomburg
Schauspielkritik

Elegie einer heillosen Traurigkeit

von Jens Fischer

Henriette Dushe: In einem dichten Birkenwald, Nebel

Premiere: 15.01.2016 (Uraufführung)
Landestheater Detmold
Homepage: http://www.landestheater-detmold.de/

Regie: Malte Kreutzfeldt

„Die Welt wird vom Stumpfsinn aufgefressen.“ Diese Empfindung zu einer gesellschaftskritischen Erkenntnis zu verklaren, das versucht Henriette Dushe mit ihrer 2014 Grabbe-Preis-gekrönten Partitur rhythmisch gesetzter Worte. Und erschafft dabei eine poetisch offene Beschreibung dessen, was Depression genannt werden könnte. Eine der vielen schönen Metaphern dieses Zustands ist schon im Stücktitel formuliert: „In einem dichten Birkenwald, Nebel“.

Die Uraufführung des Landestheaters Detmold kommt als theatrale Klangskulptur daher – ist auch zu erleben als Sprachkonzert für ein Männer- und ein Frauentrio. Wobei alle Darsteller Persönlichkeitsminiaturen mit eigenem Charakter entwickeln, wenn sie in Duetten zusammenfinden, zu melancholischen Soli anheben, aber auch im unisono Sprechen als sechsstimmiger Chor.

Regisseur Malte Kreutzfeldt hat die musikalische Struktur des Textes wundervoll instrumentiert und auf der zumeist leeren Bühne als Elegie einer heillosen Traurigkeit dirigiert. Die Ausstattung ist streng in Schwarz und Weiß gehalten, nur die Birkenwaldprojektion bietet auch silbrig schimmernde Grauschattierungen. Glühbirnen einer Lichterkette verlöschen nach und nach mit sanften Verpuffungen, immer dann, wenn eine Wohlfühlzutat des Lebens als Placebo enttarnt ist.

„Die Nacht“ Franz Schuberts wird anfangs zarttönend angestimmt, „wie schön bist du, freundliche Stille, himmlische Ruh’“, aber auch gleich konterkariert durch den Auftritt der entschlossen Äxte schwenkenden Frauen, die Männerkostüme tragen und einen Make-up-Mix aus Totenmaske und Kriegsbemalung. Während die Männer in Frauenkleidern fassungslos von Momenten berichten, in denen sich ihr Gesicht im Spiegel auflöste und die Zeit anders zu ticken begann. Sie erkannten plötzlich, fremd im eigenen Leben zu sein. Und dass sie das eigentlich schon immer wussten, nur bisher verdrängt hatten. Glücksversager sind sie nun. Kämpfen mit ihren Erinnerungsfetzen. Konstatieren die große Lebenskrise – und versuchen in den Birkenwald Lichtungen der Hoffnung zu schlagen, hacken also ohrenbetäubend Holz auf der Hinterbühne. Dabei verwandeln sie sich zu echt rauschalig-weichkernigen Kerlen – tauschen Kleid gegen Anzug, setzen sich Papierkronen auf und versuchen antidepressive Argumente einzubringen.

Während die Frauen klassische Fragmente eines ehelichen Trennungsgesprächs rekapitulieren. Ja, sie hatten alles, was Frauen gut gebrauchen können für ein gelungenes Leben: Anmut, offene Herzen, Intelligenz und praktische Vernunft. Ja, es gab einen Partner, gemeinsamen Urlaub, sie besaßen Auto und Einfamilienhaus. Aber: „Ein nicht enden wollendes, Gott verdammtes Scheiß-Elend ist das gewesen.“ So lautet das Resümee. Jedwede Geborgenheit ist verloren. Der Widerspruch klingt schüchtern: „Aber es war doch auch schön, manchmal, wir haben doch auch Spaß gehabt.“ Der, dem das reicht, wird beschrieben als „stolz, stark und schön“. Die Depressionsgattin, der ein bisschen Spaß nicht reicht, attestiert dem Ex-Partner ein „unbeschädigtes Leben“, das „ist ein Unglück mit ganz eigener, noch völlig unerforschter Dramatik, eine westdeutsche Tragödie“. Mit dem Ergebnis völligen Unverständnisses, dass plötzlich kein zurück, kein vorwärts mehr möglich ist. Kein Wille zu irgendwas, nirgends.

Die Frauen trauern: „Diese große, diese so unendlich weite Welt, sie / rührt uns nicht, die Welt, sie / ruft uns nicht, sie versucht es ja noch nicht einmal, sie / will uns nicht locken, die Welt … hinaus ins Glück, dahin, wo es noch etwas zu entdecken gibt / einen Schatz / einen Mann / die Stille / das Meer …“  Und was der Sehnsuchtsklischees mehr sind. An die keine mehr glaubt. „Alles in uns schläft, tief und reglos, kein einziger Traum, ein Loch in unserer linken Brust, da wo das Herz eigentlich einst saß. Stellt denn die Chemie kein einziges Mittel gegen so etwas uns zur Verfügung?“

Statt nun Psychopharmaka zu schlucken, werden Erfahrungen mit anderen Antidepressiva diskutiert. Helfen Drogen wie Alkohol, Konsum, Religion? Heldenhaft soziales Engagement? Kinder kriegen? Alles Sinnillusion. Alles zu spät. Wie ein Mahnmal baumelt eine Darstellerin schließlich am Strick. Erlösung aus der Depression. Schuberts Ode an die Nacht wird erneut angestimmt, klingt nun noch fahler als zu Beginn. „Lenzes Milde“, von Schubert beschworen, hat den Birkenwald in keinster Weise mit Blumen der Hoffnung verzieren können. Dunkelheit senkt sich über die Bühne dieses kunstvoll inszenierten, sprachschönen, irisierend gespielten – verstörenden Abends. Weil er Depression nicht als Krankheit, sondern als Symptom unseres wohlanständig durchschnittlichen Lebens beschreibt.