"Bauern, Bonzen, Bomben" am Schauspiel Hannover.

"Bauern, Bonzen, Bomben" am Schauspiel Hannover.

© Foto: Katrin Ribbe
Schauspielkritik

Nach uns die Nazis!

von Michael Laages

Hans Fallada: Bauern, Bonzen, Bomben

Premiere: 12.02.2011
Staatsschauspiel Hannover
Homepage: http://www.staatstheater-hannover.de/schauspiel

Regie: Tom Kühnel

Dieser Krieg kennt keinen Sieg. Hier verlieren alle. Und was danach kommt, wird noch schlimmer sein – Hans Fallada schrieb 1931, mitten im Aufstieg als Schriftsteller und noch vor „Kleiner Mann, was nun?“, mit „Bauern, Bonzen und Bomben“ einen ziemlich einzigartigen Roman, gemischt aus Polit-Reportage und Zeitgeist-Analyse; und vom ganz Kleinen aus, vom Krach um eine Kuh, für die zu viele Steuern fällig werden, gelingt ihm der Blick auf die ganz große Politik. Denn mit der Bauernschlacht um Altholm zeichnet er eben nicht nur die Landvolkaufstände nach, die Fallada selber als Lokalreporter miterlebt hatte – der Autor benennt klarer und akkurater als jeder politologische Tiefenforscher die Bruchlinien in der ungeliebten deutschen Republik von Weimar. Nach der oft und gern gezeigten Kleiner-Mann-Revue (zuletzt zu sehen in München und eingeladen zum Theatertreffen nach Berlin), hat Tom Kühnel in Hannover jetzt das Polit-Panorama um die holsteinischen Bauernkriege wieder belebt.

Dafür setzt der Regisseur alles und jeden in Bewegung, und die Bühnenmaschinerie zeigt, was mit ihr möglich ist. Kuh und Traktor und Oldtimer von anno 1930 sind obendrein leibhaftig im Einsatz. Und was darüber hinaus nicht recht zu zeigen ist im Theater, etwa eine Demo mit Tausenden von Teilnehmern, wird ebenso dezent wie geschickt mit Hilfe der Video-Kamera herbei imaginiert. Kühnels Team entwirft mit enorm viel Energie und Phantasie, so viel, das der Vorrat auch über vier Stunden vorhält, das große zeitgeschichtliche Panorama – kommt aber zugleich mit gerade mal zehn Ensemblemitgliedern aus; für geschätzt vier mal so viel Rollenpersonal. Prompt wachsen alle über sich hinaus, sonst so unübersehbare Schwächen im Ensemble sind wie weggewischt. Natürlich erkennen wir die Damen und Herren gleich wieder, wenn sie sich gerade mal fix in neue Kostüme gestürzt haben, manchmal so übereilig, dass sie damit kaum fertig werden bis zum nächsten Auftritt – aber das gehört zum Charme, ja zum Feuer des Abends. Das Theater feiert sich selbst, und vor allem die Menschen darin – zwei Hände voll nur sind nötig für eine ganze, große-kleine Welt.

Egon Monks Fernsehfassung aus den 70er Jahren zeigte „Bauern, Bonzen und Bomben“ als Vorspiel des Nazi-Umbruchs zeigte, hier und heute macht sich eine andere düstre Ahnung breit – aus den Rankünen um den Aufstand der Bauern gegen die Zentralverwaltung der neuen Republik, aus den Nadelstechereien zwischen Land- und Stadtvolk, rechtsnationaler Presse und „rotem“ (das heißt: sozialdemokratischem) Bürgermeister, aus den Kämpfen zwischen größeren Täuschern und kleineren Schiebern (wie dem erfolgsgierigen Lokalredakteur Stuff und dem Anzeigen-Agenten Tredup, auf den Fallada viel Eigenes projizierte) erwächst ganz alltäglich der kleine Verrat an großen Ideen. Und das ist genau der Mief jener bequemen Politik- oder Politiker-Verdrossenheit, die auch heute wieder eine sehr viel gefestigtere Demokratie ins Wanken bringen könnte.

Handfestes Theater, mit historischem Thema, aber ganz von heute – das ist möglich mit diesem fast vergessenen Fallada, der noch viel gründlicher wieder zu entdecken wäre. Die neue Gesamtausgabe der Werke mag da helfen; im Theater zeigt Hannovers Schauspiel schon mal, wie’s geht.