Auf dem Bild (v.l.n.r.): Wirt (Frank Wiegard), Heinz Bösel (Janko Kahle), Kurt Fellner (Günther Harder)

Auf dem Bild (v.l.n.r.): Wirt (Frank Wiegard), Heinz Bösel (Janko Kahle), Kurt Fellner (Günther Harder)

© Foto: Karl-Bernd Karwasz
Schauspielkritik

Bromance in Brandenburg

von Jan Fischer

Josef Hader / Alfred Dorfer: Indien

Premiere: 11.08.2017
Staatsschauspiel Hannover
Homepage: http://www.staatstheater-hannover.de

Regie: Lars-Ole Walburg

Vielleicht wäre ohne Regen alles anders gewesen, aber in Hannover regnet es schon den ganzen Tag. Nicht, dass das das Publikum des Schauspiel Hannover abhalten würde. In Regen- und Funktionsjacken aller Farben strömen sie zur Premiere des Sommer Hof Theater. Gegen die Kälte werden Decken verteilt, gegen den Regen hellblaue Plastikponchos.

Das Sommer Hof Theater ist immer ein kleines Theatereignis, leichte Kost zum Eingewöhnen, im sommerlichen Innenhof, Wein und Verpflegung drumherum. Die Vorstellungen sind gerne ausverkauft. 2016 wurde eine Adaption des ewigen Bestsellers „Der 100-Jährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ gezeigt. In diesem Jahr inszeniert der Intendant des Schauspiel Hannover, Lars-Ole Walburg das Stück „Indien“ der österreichischen Kabarettisten, Regisseure und Schauspieler Josef Hader und Alfred Dorfer.

„Alles wird gut“ 

Statt durch die österreichische Provinz – wie im Stück – touren Kurt Fellner und Heinz Bösel im hannoveraner Regen durch die brandenburgische Provinz, um für einen Prospekt des Fremdenverkehrsamtes Gasthäuser zu begutachten – ein schöner Witz dabei ist, dass in dem minimalistischen Bühnenbild nie die Ausstattung der Gasthäuser wechselt, immer nur der Wirt.

Günther Harder und Janko Kahle verkörpern die beiden Fremdenverkehrsamtsbegutachter als holzschnittartige Figuren: Bösel ist einer dieser Typen, die in Eckkneipen immer viel zu laut reden und lachen, Fellner verbirgt seine Unsicherheiten und seine Biederkeit hinter seiner Vorstellung von Bildung, die wenig mehr umfasst als Trivial-Pursuit-Fragen zu beantworten. Die beiden touren von Gasthaus zu Gasthaus, streiten sich anfänglich und kommen sich langsam näher. Eine richtige Bromance entwickelt sich zwischen den beiden schließlich darüber, dass Fellners Freundin ihn verlässt und Fellner der einzige Mensch ist, neben dem Bösel auf Klo gehen kann.

Es wäre also eigentlich alles in Butter in der brandenburgischen Provinz – wenn nicht Fellner plötzlich mit Hodenkrebs diagnostiziert werden würde. Bösel ist der einzige Mensch, den er noch hat, weder seine Mutter noch seine Freundin besuchen ihn, und so ist es auch er, der bei ihm ist, während Fellner langsam stirbt und seine Hoffnung in die Reinkarnation setzt – in Indien, erklärt er seinem Freund, glauben sie daran. Bösel ist es auch, der bei ihm ist als er stirbt. „Alles wird gut“, sind Bösel letzte Worte in der Inszenierung.

Zuviel Komödie, zu wenig Tragik 

Das Sommer Hof Theater ist als sommerliches Ereignis gedacht – die Kälte und der Regen tun der Atmosphäre nicht gut, auch wenn beides, zusammen mit den ausgeteilten Fleece-Decken, eine gewisse Gemütlichkeit schafft, schafft es doch nicht die lockere Umgebung, in der eine Tragikomödie wie „Indien“ sich voll entfalten kann. Dazu kommt, dass die alle Figuren eher als Karikaturen mit grobem Strich angelegt sind. Das mag für Frank Wiegard, der sämtliche Nebenfiguren – insgesamt drei Wirte und einen Arzt – spielt, noch angehen. Den Hauptfiguren Bösel und Fellner, mit deren Feind- und Freundschaft die ganze Inszenierung steht und fällt – jedoch hätte etwas mehr Tiefe gut getan. So funktioniert der Komödien-Teil der Inszenierung zwar ganz gut, im Sinne eines Schwankes, vielleicht, die fehlende Tiefe der Figuren lässt allerdings den Tragik-Teil des Stückes wirkungslos verpuffen. Das ist schade, denn „Indien“ hätte durchaus das Potential, in beide Richtungen zu wirken – die Verfilmung aus dem Jahr 1993 hatte allerdings ein ähnliches Problem.

Auch in Hannover ist „Indien“ damit eine Tragikomödie, die auf der Hälfte stecken bleibt, eine Inszenierung, die nicht nutzt, was sie eigentlich könnte. Und eben der Regen. Aber vermutlich wäre ohne den Regen trotzdem nichts anders gewesen.