"Nathan der Weise" am Theater Vorpommern

"Nathan der Weise" am Theater Vorpommern

Anna Luise Borner

© Foto: MuTphoto
Schauspielkritik

Gedanken-Träger

von Michael Laages

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise

Premiere: 21.03.2015
Theater Vorpommern, Greifswald/Stralsund
Homepage: http://www.theater-vorpommern.de

Regie: André Rößler

So viel Zielgruppe ist selten. Gut ein Drittel des Theaters im vorpommerschen Greifswald füllt sich in einer Premiere am Samstagabend, also weit weg von allem Unterrichtsbetrieb, mit Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern. Auf dem Spielplan im Greifswalder Theater steht „Nathan der Weise“, das „dramatische Gedicht“ von Gotthold Ephraim Lessing … Schul-Stoff natürlich. Aber die Pflicht wird hier durchaus zur Kür. 

Dabei macht es die Inszenierung von André Rößler, geboren 1978 und seit zwei Jahren Oberspielleiter im Schauspiel am Theater Vorpommern, der Doppel-Bühne für Greifswald und Stralsund, der jüngeren Premieren-Kundschaft gar nicht über Gebühr leicht, diesem fernen, fremden Text auf den Grund zu kommen, der halt erschreckenderweise vom aktuellsten, brennendsten Kriegsschauplatz politisch-gesellschaftlicher Gegenwart erzählt. Rößler macht das Stück nicht jugendlicher, als es ist, wirft nicht mit der Wurst nach Speckseite – in der immer noch und immer wieder gültigen Erkenntnis, dass, wer der Jugend hinterher rennt, sie immer nur von hinten sieht …

Was also geschieht, um das Publikum, jung und alt, zu gewinnen? Lessings Vorrede, vom Band eingespielt, stimmt vorsichtig ein auf die heutzutage ja nicht mehr verbindliche Lessing-Sprache – wer spricht noch wie vor 236 Jahren? Dann flimmert ein Video im Hintergrund: Krieg herrscht irgendwo, Scharfschützen verfolgen Menschen, die schutzsuchend über Straßen rennen. Ein Schuss fällt, einer bleibt liegen. Dann, mit dem beginnenden Text, markiert das Bild im Hintergrund zumindest bis zur Pause Szene um Szene die Religion der jeweils Sprechenden – Christ spricht mit Christ, Jude mit Moslem, Moslem mit Christ, Christ mit Jude, Moslem mit Moslem, Jude mit Jude, Moslem mit Jude. Nach der Pause, und nachdem die Parabel von den gleichen Ringen für alle Religionen erklungen ist, gibt’s dann nur noch „Menschen“ sowie arabische und hebräische Schriftzeichen. Wenn dann der kluge Nathan am Schluss und nach fundamentaler Familien-Recherche die angenommene Tochter und den christlichen Retter statt zum Liebes- zum Geschwisterpaar gemacht hat, steht im Video vom Beginn der von den Scharfschützen Getroffene wieder auf. Und flüchtet weiter.

All das ist sehr klug durchdacht. Viel Material umspielt Lessings Fabel von außen her. Und auch von innen her macht Rößler es dem Publikum nicht leicht – alles Personal trägt auf Simone Steinhorsts schachbrettartiger Bühne von ihr entworfene Kostüme vom immer gleichen Mustern und Schnitt; Hosen und Röcke vom gleichen Design zu schwarzem Pullover und weißem Jackett. Alles ist, alle sind eins. Doppelte, gar widersprüchliche Besetzungen werden so fast ununterscheidbar - wie die Ringe der Religionen. Josefine Schönbrodt etwa ist mit zugeknöpfter Jacke die großherzig-moslemische Fürstenschwester Sittah, mit geöffneter Jacke wird sie zur kleingeistig-christlichen Daja, Haushälterin beim Juden Nathan; Ronny Winter ist (in leicht vorgebeugter Haltung) der Derwisch Al-Hafi, moslemischer Finanzchef beim Sultan und Freund des Juden Nathan, aber auch (ungebeugt) der christliche, ebenso lernfähige wie verführbare Tempelherr, der sich schließlich als Sohn eines Moslem erweist. Jörg F. Krüger hat es besonders schwer – als freidenkerisch-aufgeklärter Sultan von Jerusalem, der im Tempelherrn das Gesicht des geliebten verstorbenen Bruders wieder erkennt, aber auch als finster-christlicher Patriarch, der immerfort Juden verbrennen will; und schließlich ist Krüger sogar noch der namenlose christliche Klosterbruder, der Nathan die Mittel in die Hand gibt, alle Rätsel zu lösen und sich selber zu retten. Nur Nathan selber ist mit Jan Bernhardt und die angenommene Tochter Recha ist mit Anna Luise Borner mit einer, der eigenen Rolle besetzt.

All das ist überhaupt nicht einfach gebaut – und schraubt die ohnehin schon ziemlich komplizierte Konstruktion des Stückes selbst noch um ein paar Drehungen weiter. Da haben die Schülerinnen und Schüler hinterher viel Stoff zum Diskutieren.

Die Verwechselspielereien im Personal zwingen der Inszenierung allerdings auch einen ziemlich schematischen Charakter auf. Das ist insofern nicht schlimm, als auch Lessings letztes Werk immer ein bisschen leidet unter der eigenen Konstruktion: mit Nathans Motiven dafür, ein Christenmädchen an Kindes statt anzunehmen, und den Träumereien des Sultans vom toten Bruder Assad; mit den Verrätereien der Christin Daja und dem monströsen Hass des Patriarchen; mit den mehrfachen Haltungswechseln des Tempelherrn, der Nathans Tochter Recha aus dem brennenden Haus rettete, und schließlich mit der wundersam-märchenhaften Lösung, die Nathan dem „Familienbüchelchen“ verdankt, das ihm der Klosterbruder zusteckt … Wer in dieser extrem fein abgezirkelten Dramaturgie auf allzu viel Gemenschel setzt, scheitert fast immer. Lessings Figuren sind Träger von Gedanken, weniger von eigentlicher Handlung – und so liegt Rößler richtig, wenn er das Stück als das nimmt, was es ist: nicht als Tragödie oder Komödie (oder was der Gattungskategorien mehr wären), sondern eben tatsächlich als „dramatisches Gedicht“.

Wie aktuell der Text ist, zeigt den Jugendlichen der Blick in das bevorzugte soziale Netzwerk; oder in die Tagesschau von heute.