"Nach uns das All" von Sibylle Berg in der Uraufführung am Maxim Gorki Theater

"Nach uns das All" von Sibylle Berg in der Uraufführung am Maxim Gorki Theater

© Foto: Ute Langkafel
Schauspielkritik

Schwer unisono

von Detlev Baur

Sibylle Berg: Nach uns das All oder Das innere Team kennt keine Pause

Premiere: 24.09.2017 (Uraufführung)
Maxim Gorki Theater, Berlin
Homepage: http://gorki.de

Regie: Sebastian Nübling

Der Premierentermin war vom Berliner Maxim Gorki Theater gut gewählt: Am frühen Abend des 24. September 2017, als längst klar ist, dass die AfD drittstärkste Fraktion im Deutschen Bundestag wird (und als später klar wird, dass die Wutpartei in Sachsen gar die meisten Stimmen erhält), beschreiben vier Damen in Raumfahreranzügen einen Staat, der von Angst und Gewalt diktiert wird. „Der Versuch der Demokratie ist gescheitert“, heißt es zu Beginn von Sibylle Bergs „Nach uns das All ­­­­oder Das innere Team kennt keine Pause“. Frauen und Minderheiten sind ausgegrenzt, die englische Sprache und offene Gesellschaft gehören der Vergangenheit an, denn die hässlichen Wutbürger haben deutschnational die Kontrolle übernommen. Diese Beschreibung der in Weimar geborenen Spiegel-Kolumnistin und Dramatikerin ist deutlich, auch wenn sie im dritten Teil der Serie „Menschen mit Problemen“ vieles im Vagen lässt: Wann genau die Sprechhandlung abläuft, ist offen; und wie in einer stramm deutschnationalen Welt eine Castingshow für die Marsmission von Aussteigern möglich sein kann ebenso. Wieder sind vier Frauen, die sich kaum unterscheiden als „manischer Jugendchor“ die Hauptfigur, nun ergänzt durch Torben, das männliche Alter Ego. Die zwei Gruppen treffen zu einem letzten Date zusammen, denn das Frauenkollektiv muss sich zwecks Fortpflanzung auf dem roten Planeten zwingend für einen Partner entscheiden, bevor die Rakete in Kürze startet.

Zwar beschreiben die Damen und Herren aus „Nach uns das All“ die erschreckende Situation, eigentlich sind sie aber Opfer des neuen Systems. Durch die Zitate von Hass- und Selbstbeschränkungspostings aus dem Netz ­­– das mittlerweile vom Inter- zum Intranet transformiert wurde – kommt immer wieder auch die tumbe Mehrheit zu Wort. Die Hauptfiguren sind also die Verlierer der Wende: die großstädtischen, brotlosen Intellektuellen und Künstler. Das ist insofern spannend, als Berg eine  Verbindung von Gesellschaftskrise zu privater Befindlichkeit und Beziehungsunfähigkeit schlägt. Eigentlich handelt das Stück also vom Versagen der intellektuellen Mittelschicht – und macht dabei wenig Hoffnung. (Die vorgelagerte, in jeder Hinsicht hilflose Wahlperformance „Talking Straight“ im Studio des Gorki Theaters war, jedenfalls zu Beginn, auch ein unfreiwillig deutliches Abbild dieser Krise der großstädtischen Eliten.) Denn am Ende verpassen die möglichen Partner den Raketenstart, da frau sich für den, ihr recht ähnlich verunsicherten Einheitsmann Torben nicht entscheiden kann. Das Timing im Stück selbst geht also schön daneben.

Die Uraufführungsinszenierung von Sebastian Nübling stellt den vier Einheits-Frauen im orangefarbenen Raumfahrerdress (Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Svenja Liesau und Abak Safaeo-Rad, Kostüme: Ursula Leuenberger) genau vier ebenfalls guantanamo-orange eingekleidete Männer gegenüber (Knut Berger, Jonas Dassler, Aram Tafreshian und Mehmet Yilmaz). Die zwei Gruppen stehen meist im Wechsel auf der kahlen Bühne (Magda Willi) oder tanzen geschickt unbeholfen. Die Choreographie von Tabea Martin zeigt immer wieder komische Bilder von tappsigen Gestalten auf der Suche nach der großen Schwerelosigkeit und Lockerheit. Das fast durchgängige, mittelmäßig klare Unisono-Chorsprechen der 70-minütigen Aufführung dient zwar der konzeptionellen Klarheit für hoffnungslose Individualisten, bringt aber auch eine starke Eindimensionalität in den Dialog von Mann und Frau. Die reizvollen Ambivalenzen des Textes sind somit ziemlich nivelliert; bei allem szenischen Witz, bleibt der Sprachwitz auf dem Boden. Und doch ist der heiter-düstere Abend kein sinnloses Theater: „Die letzte Frage ist: Und was ist jetzt?“